Freitag , 21 Februar 2020
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«Die Uhrenindustrie braucht wieder vermehrt Solidarität»

Seit 45 Jahren beobachte ich die Uhrenindustrie. Als noch zweistellige Zuwachsraten jährlich Usus waren, war die Uhrenwelt noch in Ordnung. Die «Familie» war intakt. Heute unter dem enormen Wettbewerbs- und Preisdruck schaut jeder nur zu sich selbst, der Ego-Trip wurde geboren. Wir gehen den «UhrSachen» auf den Grund, denn neben den externen Faktoren, sind es vorwiegend Versäumnisse der Uhrenindustrie selbst.

Unfähiges Management. Fangen wir oben an, wie heisst es so schön, «der Fisch fängt beim Kopf zu stinken an». Unverzeihliche Managementfehler führen Marken an den Rand des Ruins, das Management sollte nicht sich selbst verkaufen, sondern Produkte. Unfähige Manager – ohne Passion und Visionen – sehen in den Uhrenmarken lediglich einen Selbstbedienungsladen, der geplündert werden muss. Wenn nichts mehr da ist, wird die Marke einfach gewechselt. Rolex, Omega, Patek Philippe, Audemars Piguet, Vacheron Constantin ausgenommen, denn diese Marken verfügen global eine Aura, die jeden Plünderungsversuch scheitern lässt. Hier ist es die Marke, die den Manager plündert, denn der Anspruch ist hoch.

Mangelnde Produkte Innovation. In der am schnellsten wachsenden Kategorie der Uhrenhersteller ist die Schweiz ein absoluter Nobody, Smartwachtes kommen aus Cupertino (Apple), Seoul (Samsung) oder Dongguan (Huawei). Schweizer Marken spielen in diesem Geschäft keine Rolle, selbst jene nicht, die in diesem Geschäft eine Rolle spielen wollen, wie etwa die LVMH-Marke TAG Heuer. Das Problem: Das Gross der Konsumenten dieser Welt kauft entweder eine Apple Watch oder eine Tissot. Und nicht eine Apple Watch und eine Tissot. Das bedeutet: Selbst wenn Smartwatches wirklich «Einstiegsdrogen» seien und früher oder später das Bedürfnis nach einer Patek oder Rolex wecken sollten, verlieren sie ständig Schweizer Marktanteile, denn es kommt nichts Neues nach.

Unnütze Presse-Girls. Die heutigen oberflächlichen Presse-Mädels der Marken arbeiten unter vollstem Einsatz ihres Körpers für ihre Marken Clippings, die fehlende Intelligenz wird mit gepimpten Brüsten und aufgespritzen Lippen kompensiert, denn jede will ein Star sein. Meistens machen sie Überstunden für ihre clippings und gehen dann erschöpft mit ihrem «iPhone» ins Bett.
Vorbei sind die Zeiten der stilvollen Presse Ladies wie zum Beispiel einer Michel Reichenbach (De Grisogono) oder einer Gigi Sutter (Cartier), die geschmackvolle Events für echte Marken zelebrierten, die PR im Blut hatten, die ihre eigene Meinung hatten und sich nicht von irgendwelchen Kriminellen Kollegen instrumentalisieren lassen. Gigi Sutter ist und bleibt für mich die Grande Dame der PR. Die heutige Generation kann ihr das Wasser nicht reichen. Sie bleibt unerreicht.

Der Kampf um Medienpräsenz. Ich war der erste seriöse ernsthafte Journalist, der sich mit dem Thema Uhren beschäftigte. Immer mehr Auftragsschreiber erkennen heute im Uhrenjournalismus eine «sprudelnde Geldquelle», vor allem die deutsche Uhrenjournaille hat diese Art des Uhrenjournalismus entdeckt. Das heisst, Auftragsschreiber kassieren doppelte Gage, beim Auftraggeber fürs Schreiben und plazieren und bei den Medien fürs Veröffentlichen. Der ehemalige leitende Regierungsschuldirektor der Regierung Oberbayern GLB hat dieses Modell als Nebenerwerbsquelle perfektioniert und hat sich damit eine Existenz aufgebaut, von der er heute noch lebt, zur fürstlichen Beamten Rente dazu. Wer GLB nicht nach der Pfeife tanzt, wird weltweit (er hat sich ein Netzwerk aufgebaut) mit Medien-Entzug bestraft, das ist die schlimmste Strafe für die omnipräsente Uhrenindustrie und deren mediengeile Protagonisten.

Der Weg zur selektiven Distribution. Die gebremste Entwicklung in China und Hongkong ist kein uhrenspezifisches Phänomen. Auslöser ist die chinesische Konjunktur, die sich seit Mitte vergangenen Jahres abkühlt. Aber der Effekt der schwächeren Endnachfrage wird im Fall der Uhrenbranche verstärkt durch Händler, die nach den Erfahrungen im letzten Abschwung sehr vorsichtig geworden sind in Sachen Lagerhaltung. Sobald auch nur der Hauch eines Abschwungs zu spüren ist, werden die Bestellungen gestoppt. Weil viele Uhrenmarken zudem daran sind, ihre Händlernetze zu straffen, fallen derzeit auch verhältnismässig viele Verkaufspunkte weg. Diese selektive Distribution ist zwar langfristig sinnvoll, aber kurzfristig leidet der Umsatz. Und dies allenfalls sogar doppelt, denn die Uhrenhersteller tun gut daran, die Inventare von Detaillisten, die sie nicht mehr beliefern wollen, zurückzukaufen. Machen sie es nicht, müssen sie damit rechnen, dass ihre Uhren vergünstigt auf dem Graumarkt landen, was dem Markenimage schadet.


Digital ist die neue Religion der Uhrenindstrie. Die Anbieter von Luxusuhren haben bereits begonnen, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen: Beispiele hierfür sind unerwartete Partnerschaften zwischen Herstellern von Luxusuhren und Technologiekonzernen (etwa zwischen Samsung und de Grisogono sowie Apple und Hermès), Partnerschaften zwischen Luxus-Uhrenmarken und Blogs für limitierte Serien (beispielsweise zwischen Vacheron Constantin und Hodinkee sowie Omega und Fratello Watches), die Schaffung virtueller Welten (z.B. «Dare to be Rare» von Roger Dubuis) sowie stärker individualisierte Produkte (z.B. Bespoke von HYT oder «Atelier Reverso» von Jaeger LeCoultre) — nur um einige zu nennen. All diese Beispiele zeigen hervorragend, welches Potenzial in Veränderungen steckt – und welche Wirkungen sich damit erreichen lassen. Die Fähigkeit, innovative Ideen zu entwickeln und umzusetzen, könnte interessante Anlagechancen schaffen, und viele Unternehmen haben sich durch die möglichen Gewinne bereits zu solchen Investitionen bewegen lassen. Doch die Entfaltung echter Wachstumsambitionen erfordert eine umfassende Planung, die alle Aspekte eines Unternehmens betrifft. Den Ausgangspunkt bildet dabei die Erarbeitung einer ganzheitlichen Strategie, die festlegt, wo die Änderungen erfolgen müssen und wie die Gewinne erzielt werden sollen. Auf diese Weise gewinnen die Unternehmen ein optimales Verständnis für das richtige Gleichgewicht zwischen der Umsetzung grundlegender Veränderungen und der Entwicklung innovativer Ansätze. Die Fähigkeit zur Neudefinition von Geschäftsmodellen mit einer ganzheitlichen Unternehmensstrategie, erlaubt es der Schweizer Uhrenindustrie, die Marktreife im digitalen Zeitalter schneller zu erreichen und auch künftig Massstäbe zu setzen, die weit über die Uhrenindustrie hinaus Geltung haben.

Print Werbung  wird totgeschrieben. „Wer heute sagt, Print ist tot, wird sich vor den Zeitungen von dieser Welt verabschieden“. Klar ist: Die Zeit der 0815-Lösungen ist vorbei, nicht erst seit heute. Um ein möglichst großes Stück vom Werbekuchen abzubekommen, müssen Mediengattungen vielmehr in vielen anderen Bereichen punkten: Individualisierung, Regionalisierung und Technologisierung sind die Herausforderungen unserer Zeit. Und die Wettbewerber sind mächtig: Schätzungen zufolge landen zwischen 70 und 85 Prozent der digitalen Werbeerlöse schon jetzt bei Google und Facebook, Tendenz wahrscheinlich steigend. Denn während andere noch an der Ladezeit ihrer Mobile-Pages basteln, beschäftigt sich Google seinem Agency-Chef Petri Kokko zufolge nicht nur mit mobiler Suche, Video und Programmatic, sondern längst schon mit dem Boom-Thema der Künstlichen Intelligenz.

Antiquierte Messemodelle. Früher gab es zwei Leitmessen für die Uhren- und Schmuckindustrie, den SIHH in Genf und die Baselworld. Für mich ist es dieses Jahr die 45te Baselworld und die 30te SIHH respektive watches & wonders die der Genfer Luxusuhrensalon heute heisst. Der Baselworld laufen die Aussteller davon, zu teuer und auch die watches & wonders wird dies erleben. Die Aussteller setzen auf eigene Messen wie die Swatch Group – bisher immer Baselworld – mit ihrer «Time to Move», die dieses Jahr gemäss einheitlicher Sprachregelung wegen des Coronavirus abgesagt wurde, in Wirklichkeit war es der mangelnde Erfolg. Die LVMH Gruppe mit ihren Uhren Marken Bvlgari, Hublot, TAG Heuer, Zenith – alle bisher an der Baselworld – initierte Anfang Januar 2020 die Dubai Watch Week im Bvlgari Resort in Dubai. Die Branche zersplittert sich in kleine eigene Events. Mangelnde Solitdarität auch hier am Platz.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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