Montag , 25 Mai 2020
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Baselworld: the party is over

Baselcrash: Die Party ist vorüber

Nachdem sich die LVMH Gruppe von der Basler Uhrenmesse zurückgezogen hat, wird die MCH Gruppe für den Steuerzahler zu einem Risiko. Grossaktionär Erhard Lee plädiert für die Zerschlagung, um frisches Geld aufzutreiben.

Baselcrash: Die Baselworld als Spielball der grossen Uhrenhersteller, die Arroganz des Managements, die Millionenflops und der Vischer-Gate (Ueli Vicher ist Verwaltungsratspräsident). Der Absturz der Traditionsmesse belastet Messebetreiber MCH Group: Seine Kreditwürdigkeit nähert sich Ramschniveau. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat ihn auf das Niveau BB-/negativ zurückgestuft. Laut den Schätzungen generierte die Baselworld jeden zehnten Umsatzfranken oder 44,5 Millionen Franken im Jahr.

«Die Situation ist ohne Zweifel angespannt.»

Christoph Brutschin, Regierungsrat Basel-Stadt

«Auf jeden Fall ist das ein grosser Schlag für den Messeplatz Basel», sagt Erhard Lee, der grösste private Investor bei der MCH Group. Verwaltungsrat und CEO hätten «völlig versagt». Für die Baselworld prognostiziert er: «Ich kann mir vorstellen, dass es eine beschauliche Messe für Zulieferer, Schmuckindustrie und Edelsteinhändler wird.» Auch der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin bestätigt: «Die Situation ist ohne Zweifel angespannt.»

Ende 2019 wies die MCH Group eigene Mittel von 138 Millionen Franken aus. Auf einen Teil dieser Mittel schielten auch Rolex und Co, als sie wegen der Corona-Krise und der Verschiebung der Baselworld auf das nächste Jahr ihre bereits getätigten Auslagen minimieren wollten, obwohl der Ausstellervertrag die Kostenabwälzung auf die Aussteller klar regelt. Als die MCH Group ihnen nicht weit genug entgegenkam, erklärten sie ihren Abgang nach Genf.

Alle drei Tage eine Million vernichtet

Viele Optionen bleiben der MCH Group nicht mehr zum Überleben. Eine Kapitalerhöhung wäre die logischste. In diesem Fall müssten die beiden Basel, die Stadt und der Kanton Zürich als Grossaktionäre aber Steuergelder in Millionenhöhe in das marode Unternehmen pumpen. Zumindest in den beiden Basel käme dies einem politischen Erdbeben gleich. So beklagen bereits heute die Basler Grünliberalen, dass der Verwaltungsrat zwischen Ende 2016 und 2019 alle drei Tage rund eine Million Franken Eigenkapital vernichtet habe.

Für den Fall, dass Investoren den Einstieg wagen, müsste die Stimmrechtsvinkulierung für Private aufgehoben werden. Es entstünden bei der MCH Group neue Machtverhältnisse. Die Strategie, möglichst viele Messen, Kongresse und Veranstaltungen in Zürich und Basel stattfinden zu lassen, wäre gefährdet.

Um überleben zu können, könnte die MCH Group auch Teile ihres Immobilienportfolios veräussern. Wahrscheinlicher ist aber der Verkauf von Geschäftseinheiten. Bereits im letzten Jahr wurde der Bereich Live Marketing Solutions (LMS) offiziell zum Verkauf gestellt. Zum rentablen Bereich von LMS gehören unter anderem MC2 in den USA und der Standbauer Expo Mobilia in der Schweiz. LMS steuerte im letzten Jahr 41,8 Prozent oder 186,1 Millionen Franken zum Gruppenumsatz bei. Die Sparte beschäftigt mit rund 500 Mitarbeitern etwa die Hälfte der gesamten MCH-Belegschaft.

Corona-Krise könnte hilfreich sein

Grossaktionär Lee möchte hingegen, dass mithilfe von MC2 und Expo Mobilia die Uhrenfirmen gruppenweise rund um die Welt mit einer «Baselworld on Tour» reisen können. Für ihn wäre dies die direkte Antwort auf die Digitalisierung, damit der Käufer die Uhr live erleben könnte – zum Beispiel in den 20 wichtigsten Städten der Welt.

«Die Firma muss geschlachtet werden.»

Erhard Lee, grösster privater Investor bei der MCH Group

Aus seiner Optik hat die MCH Group «durchaus Überlebenschancen», da sie über verschiedene intakte Bereiche verfügt. Für ihn ist deshalb klar: «Die Firma muss geschlachtet werden.» Die Einzelteile will er von Profis führen lassen beziehungsweise in grössere professionelle Firmen integrieren. «Die Hallen in Basel und Zürich würden so geöffnet für vielfältigere Nutzung, statt zu 80 Prozent vom Staat leer gehütet zu werden.» Um Druck auf die staatlichen Ankeraktionäre zu machen, droht er weiterhin mit einer Sonderprüfung, die er vor Gericht durchsetzen will.

Hohe Darlehen aus Steuergeldern

Während der Sturm tobt, wird sich der Verwaltungsrat der MCH Group nächsten Freitag unter dem geschützten Messedach in Basel zu einer ruhigen Generalversammlung treffen. Wegen Covid-19 ohne unzufriedene Aktionäre in der Halle. Der umstrittene Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer stellt sich zur Wiederwahl. Die 590’000 Franken Vergütung des Verwaltungsrates werden angesichts der bestehenden Machtverhältnisse wohl ebenso glatt abgenickt wie nicht erfolgsabhängige Vergütungen des Executive Boards im Umfang von 2,8 Millionen.

«Die Corona-Krise erweist sich als stützender Faktor für die MCH Group.»

Adrian Knoblauch, ZKB-Analyst

ZKB-Analyst Adrian Knoblauch meint es deshalb durchaus ernst, wenn er sagt: «Die Corona-Krise erweist sich als stützender Faktor für die MCH Group.» Mit Kurzarbeit lassen sich Kosten senken. Zudem ist der Staat gegenwärtig grundsätzlich gewillt, allen Unternehmen, die in Problemen stecken, zu helfen.

Wir wissen noch nicht, was wir tun wollen!

Ueli Vischer, Noch-Verwaltungsratspräsident der MCH Group

Fiasko und «Vischer-Gate»

«Der Fisch (Vischer) stinkt vom Kopfe her», so eine bekannte Redensart. Ueli Vischer, Noch-Verwaltungsratspräsident der MCH fühlt sich auf der sicheren Seite. Er weist auch jegliche Schuldzuweisung von sich, er ist in dieser Angelegenheit unbelehrbar und hat in Corona einen Schuldigen gefunden. «Also wegen der Absagen der grossen Uhrenfirmen wie Rolex und Patek kann man mir keinen Vorwurf machen. Wir denken, wir haben gut kommuniziert. Es ging ja um die Verschiebung der Messe auf den kommenden Januar. Wenn wir die Baselworld 2020 jetzt hätten, wäre das nicht passiert. Oder zumindest noch nicht. Vielleicht wären sie später gegangen. Aber so gesehen ist das, was Ostern auf uns zukam, Corona-bedingt.» Vischer weiss noch nicht, was auf ihn zukommen wird! Sein sofortiger Rücktritt wird gefordert. Der Queen Song «Man under fire», passt gut zu Vischer’s Situation.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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3 comments

  1. Tja, da haben verschiedene starke Kräfte zum Kollaps geführt, gepaart mit monströsen Fehlern.
    1. Es kann nur ein Datum geben, zwei Orte gehen immer, war auch in der Vergangenheit kein Problem. Das nicht zu sehen und umzusetzen ist dumm.
    2. Die Branchenleader sprechen französisch und sind sehr erfolgreich. Man muss in ihrer Sprache sprechen, und mit einer starken Dienstleistungs Einstellung agieren. Das nicht zu tun, ist sträflich.
    3. 1 und 2 proaktiv, lösungsorientiert und innovativ anzupacken hätte Basel gerettet. Garantiert. So schwer wäre es gar nicht gewesen.

    • Karl Heinz Nuber

      Vielen Dank Frau Grüter, das sehe ich genauso, nach 45 Jahren Teilnahme an der Baselworld und nach 30 Jahren SIHH heute watches & wonders. Schönen Sonntag.

    • Es gibt noch einen eher „philosophischen Ansatz“ im Untergang der BSLWLD. Im Messehaus sind vorwiegend m2-Verkäufer beschäftigt. Kerngeschäft ist (möglichst viele + teuer) m2 verkaufen.
      Und die lokal verankerte Entourage in VR und GL MCH haben dann eben nicht den Weitblick wie die Inhaber und CEOs „ihrer Kundschaft“, zu mindest die erfolgreichen Big Players aus der Halle 1.1
      So und nun ist der Brand BASELWORLD maximal noch 1 Stutz wert. Vor gut 11 Monaten lag noch ein Szenario in Basel auf dem Tisch, welches die Organisation zu einem „leading online marketplace“ gemacht hätte. Jawohl, auch das wurde grandios verpennt resp. aus fehlendem Know-how beiseite geschoben. Fazit für Anleger: die MCH ist in der aktuellen Konstellation sicher keine Option. In ein paar Monaten wird es diverse sterbende Uhrenfirmen geben. Viele sind unzureichend geführt, haben aber viel Potenzial und bekommen so mit Private Equity eine echte Chance im harten Uhren-Olymp.

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