Samstag , 2 März 2024
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Manuel Emch macht aus profanen Uhren kunstvolle “Zeitobjekte”

Im Alter von 29 Jahren übernahm er die Leitung von Jaquet Droz (Swatch Group) und wurde damit der jüngste CEO der Gruppe. 2010 stellt Manuel Emch sich mit der Führung von RJ Watches SA (Romain Jerome) einer neuen Herausforderung. Seit 2018 stellt er seine Erfahrung in die Dienste anderer und gründet Le Büro. Seither erhebt er profane Zeitmesser zu überraschenden Kunstobjekten.

Manuel Emch, seit zwei Jahren strategischer Berater von LOUIS ERARD, wurde am 1. Januar 2021 zum Geschäftsführer ernannt. Wir hatten darüber schon berichtet.

LOUIS ERARD viel Uhr zu moderaten Preisen

Manuel Emch wird somit Alain Spinedi (71) in seiner Rolle als CEO ersetzen. Spinedi gab seinen Rücktritt zum Jahresende 2020 bekannt. Er verkörperte 17 Jahre lang die unabhängige Marke LOUIS ERARD. Jetzt ist er zwar im Ruhestand aber weiterhin Mitglied des Verwaltungsrates des Unternehmens, dessen Hauptsitz sich in Le Noirmont befindet.

Die kleine Schweizer Marke, gegründet 1929 und mit Regulatoren berühmt geworden, wäre wegen Bedeutungslosigkeit verschwunden, hätte Manuel Emch sie vor knapp vier Jahren nicht für sich entdeckt. Der vormalige CEO von Jaquet Droz und RJ Romain Jerome – Erstere blüht, Zweitere ist verwelkt – hat das Steuer der Marke übernommen, ihr eine neue Strategie verpasst und das Profil geschärft, etwa indem er das Sortiment von 300 auf 15 Referenzen schrumpfte.

Zudem brachte der Fünfzigjährige mit Leidenschaft für Uhren und Kunst sein Netzwerk ins Spiel: hier eine Kollaboration mit dem grossen Alain Silberstein, eine Zusammenarbeit mit Label Noir, eine Kooperation mit Konstantin Tschaikin, dort eine Partnerschaft mit Ahmed Seddiqi & Sons, einem renommierten Uhren- und Schmuckhändler im Nahen Osten.

Was Emch bei all dem nicht angerührt hat: das Preis-Leistungs-Verhältnis, mit dem sich die Zeitmesser von Louis Erard seit eh und je aus der Masse der Luxusuhren abheben. Das Markenversprechen: viel Uhr zu moderaten Preisen.

Die Uhrenmarke aus Le Noirmont im Jura ist gemäss Emch längst wieder auf Kurs, sprich begehrt und lukrativ.

RAKETA wird Avantgarde

Auch bei der Wiederbelebung der Marke Raketa hatte Manuel Emch ein glückliches Händchen. Wenn es ein Land gibt, das nicht für seine Uhren bekannt ist, dann Russland. Doch in dieser riesigen Nation gibt es schon seit Hunderten von Jahren Uhrenhersteller, von denen viele zu Zeiten der Sowjetunion vom Westen unbeachtet für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang produzierten.

VOSTOK Uhren (Komandirskie, Kremlevskie, Retro, Titanium, Borduhren, Militäruhren), VOSTOK AMPHIBIA, POLJOT Uhren und Chronographen, MOLNIJA Uhren, LUCH Uhren ((Lutsch) Die Minsker Uhrenfabrik wurde von Franck Muller übernommen), Zlatoust Uhren (Agat) usw.

Vergangenheit transformiert in die Zukunft

Eine davon ist Raketa aus St. Petersburg, eine 1721 gegründete Manufaktur, die sich ihren modernen Namen erst 1961 anlässlich Juri Gagarins erstem Flug ins Weltall zulegte. Raketa zehrt im Westen noch heute vom Kult, der in den achtziger Jahren um diese exotischen Armbanduhren entstand, als nur wenige davon den Weg nach Westberlin schafften.

Die neue Originalmarke Raketa kam 1961 auf den Markt. Eigene Forschung entwickelte das neue Präzisionsuhrwerk „Raketa-2609N“. Auf dieser Grundlage lancierte die Uhrenfabrik Petrodworez über zwei Dutzend neuer Raketa-Uhrwerke: Automatikuhren, Uhren mit Kalenderangabe, Uhren mit 24-Stunden-Zifferblatt für Polarforscher, antimagnetische Uhren für den Atomkrieg, robuste Militäruhren. Raketa mit mechanischem Laufwerk von Petrodworez wurden in die gesamte kommunistische Welt exportiert. Sie haben den Ruf, zu den solidesten und zuverlässigsten Uhren der Welt zu gehören.

Von den frühen 1960er bis in die späten 1980er Jahre war Raketa einer der weltweit führenden Uhrenhersteller. Raketa-Uhren wurden für die Rote Armee, die sowjetische Marine und für Nordpolexpeditionen sowie für Zivilisten hergestellt. In den 1970er Jahren produzierte die Fabrik etwa fünf Millionen mechanische Uhren pro Jahr.

Das Konzept des Manufakturwerks ist seit zwei Jahrzehnten ein starkes Argument für Schweizer und deutsche Marken.

Eine Art Must-Have für jede Marke, die ihr Savoir-faire demonstrieren und sich auf uhrmacherischer Ebene Respekt verschaffen möchte. Allerdings… dieser interne Begriff ist vage und nicht klar durch feste Regeln und Anforderungen definiert.

Tatsächlich kann fast keine Marke behaupten, ein eigenes Uhrwerk zu 100% intern zu machen. Einige Teile werden (aus offensichtlichen Gründen) fast immer ausgelagert.

Raketa liegt jedoch nicht in den Schweizer Bergen und hat keinen Zugang zum gleichen Netzwerk wie Schweizer Marken… Das bedeutet, Lösungen zu finden. Ein wichtiger Faktor bei Raketa ist, dass die Uhrwerke mit Ausnahme bestimmter Teile (wie zum Beispiel Steine oder Kugellager) fast vollständig intern hergestellt werden.

In dieser Manufaktur werden auf traditionellste Weise Platten, Brücken, Schrauben, Räder, Federn, Schwungmassen, Unruhen oder auch Ankerräder hergestellt. Vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt wird alles intern durchgeführt, sogar die Beschichtung oder Galvanisierung der Teile, die in einem kleinen Atelier in der Nähe der Manufaktur von einer Dame mit Ray-Ban-Brille und einer Zigarette im Mund durchgeführt wird – wirklich… das ist etwas Besonderes.

Eine Uhr mit Russischer Seele

In den 1990er Jahren überstand Raketa den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus, als die Sowjetunion zerfiel. Doch als der jetzige Geschäftsführer David Henderson-Stewart die Raketa-Fabrik 2009 zum ersten Mal besuchte, um den Betrieb zu übernehmen, fand er das Unternehmen am Boden zerstört vor, mit einem Dutzend älterer Arbeiter, die alte Maschinen in schlechtem Zustand bedienten und billige Zeitmesser für den Tourismusmarkt herstellten.

Henderson-Stewart, ein in Moskau lebender britisch-französischer Anwalt russischer Abstammung, war der Meinung, dass er und eine Handvoll Investoren Raketa mit einer großen Portion Liebe zum Detail und einigen neuen Designs wieder zu altem Glanz verhelfen könnten.

Auf dem Weg dorthin gab es zwar einige Hindernisse, da die wohlhabenden Einheimischen erst davon überzeugt werden mussten, dass ein russisches Unternehmen Luxusprodukte herstellen kann, die mit der Qualität ausländischer Produkte mithalten können, doch Henderson-Stewart und sein Team machten Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel.

Taktik der Reanimation

Hinter der Wiederbelebung der Marke standen einige wichtige Entscheidungen. Eine davon war die Entscheidung, weiterhin ein eigenes Kaliber herzustellen, anstatt die Teile für die Uhrwerke bei anderen Herstellern zu bestellen und sie zusammenzubauen.

Um dies zu ermöglichen, behielt Henderson-Stewart nicht nur die halbmanuellen Werkzeuge und Maschinen bei, die in der Fabrik aus den Jahrzehnten zuvor verblieben waren, sondern er fügte auch der engagierten Gruppe von Arbeitern, die er bei seinem ersten Besuch kennengelernt hatte, weitere hinzu und bot ihnen deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen und eine aufregende Vision.

Demnächst mehr auf diesem Channel

SUMMARY_Ich kenne Manuel Emch so wie man sich eben in der Branche kennt. Richtig wahrgenommen habe ich Ihn erst bei Jaquet Droz (Swatch Group), bei RJ Watches (Romain Jerome) war er dann mit seinem Story Telling Konzept voll auf meinem Radar.

Gefragt nach seiner Spezialität antwortete er mir: “Building Watch Brands!” Markenimage und Markenidentät. Mit seinem Le Büro verhilft er Marken dass sie wieder richtig im Markt wahrgenommen zu werden.

Louis Erard erweckte der passionierte Porsche 911er Fahrer – immer in der Farbe schwarz und getunt – aus dem Stiefmüttcher-Dasein und verhalf der Marke durch gezieltes Co-Branding zu einem starken unverwechselbaren Profil. Genauso war es auch mit der Marke Raketa, der Russischen Uhrenmarke, die aus dem Tiefschlaf aufgeweckt wurde.

Wie sagt man so schön volkstümlich, “der Apfel fällt nicht weit vom Stamm”. Seine Mutter Arlette-Elsa Emch war die Muse – böse Zungen würden behaupten – offizielle Mätresse – des zwischenzeitlich verstorbenen Swatch Group Firmengründers Nicolas G. Hayek, Arlette-Elsa Emch war damals für die Marken Swatch und CK veranwortlich. Sie wurde auch offensichtlich von Hayek protegiert.
Die Frau aus Pruntrut im Kanton Jura hat eine aussergewöhnliche Karriere hinter sich: mit 19 wird sie zum ersten Mal Mutter, mit 21 zum zweiten Mal, sie jobbte in der Industrie, arbeitete zehn Jahre als Journalistin, danach absolvierte sie ein Studium – 1992 steigt sie – ohne Vorkenntnisse – als Kommunikationschefin von Swatch beim grössten Uhrenhersteller der Welt ein. Der Durchbruch ins Topmanagement schaffte Arlette Elsa Emch, als sie sich beim Swatch-Seniorchef Nicolas Hayek spontan um den Job als Direktorin einer der Uhrenfabriken bewarb. Ein halbes Jahr später sagte der Patron: «Sie wollen eine Firma. Ich habe eine für Sie…» Es war Calvin Klein. 2009 bis Mitte 2012 übernahm Arlette Elsa Emch die Leitung von Swatch, bis Ende Februar 2013 gehörte sie der Konzernleitung an. Damit gehörte Arlette Elsa Emch zu den – raren – Topmanagerinnen in der Schweizer Industrie.

Hört man sich über Manuel Emch in der Branche um, glänzt er immer mit absoluter Performance. Beim “Reshaping” von Marken kam wahrscheinlich das eigene “Reshaping” von Manuel Emch unter die Räder. Es gibt zwei Lager, die einen, die Ihn lieben, die anderen die ihn hassen. Er ist kein Teamplayer, er ist Einzelgänger und ein Opportunist, so die einen, und die anderen bewundern seinen Genius und die Marke Manuel Emch, die er selbst von sich geschaffen hat.

About Karl Heinz Nuber

Nuber ist langjähriger unabhängiger Uhren Journalist und begann seine Karriere in den frühen 80er Jahren. Durch das Sammeln kam er zum Schreiben. Er ist Gründer des vierteljährlich regelmässig bilingual – Deutsch und English - erscheinenden TOURBILLON Magazin’s, der digitalen TOURBILLON Plattform TICK-Talk, der Ausstellungs- und Event Plattform Art of TOURBILLON und TOURBILLON TV. Er tritt regelmässig als Kenner der Branche in Erscheinung.

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