Donnerstag , 2 Juli 2020
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Tourbillons gelten als technische Meisterwerke. (Quelle: IWC Schaffhausen)

Tourbillons – schön, teuer und trotzdem nutzlos

 

Tourbillons sind technische Meisterwerke – und sie sind komplett nutzlos. Schön und begehrt sind sie trotzdem, denn die Komplikation gilt wegen der zeitaufwändigen Fertigung als die höchste Stufe der Uhrmacherkunst. Daher erreichen Tourbillon-Uhren in der nicht enden wollenden Luxus-Welle auf dem Uhrenmarkt schier groteske Preise. wanted.de hat sich umgeschaut – und auch einige wenige günstige Stücke entdeckt.

Tourbillons – Uhren

Ein Tourbillon ist die Visitenkarte für jeden ehrgeizigen Uhrmachermeister – jede Marke von Rang hat heute eine solche Uhr als Topmodell im Angebot. Wegen der technischen Raffinesse und der ausgefeilten Technik öffnet jeder Hersteller das Zifferblatt der Uhr, um den Blick auf das kleine Bauteil freizulegen.

Dabei ist der Nutzen des Werkstückes begrenzt: Der Tourbillon – das ist das französische Wort für Wirbelwind – soll den Einfluss der Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit beseitigen. Und das geht vereinfacht ausgedrückt so: In einem Tourbillon werden Ankerrad, Anker und Unruh auf einer kleinen Platte in einem Drehgestell befestigt. Das Gestell wiederum sitzt auf der Welle des Sekundenrades in einem Käfig. Genau wie das Sekundenrad dreht sich nun auch das Drehgestell um sich selbst. Die Bewegung soll die Gravitation ausgleichen.

Der tickende Wirbelwind sorgt wegen seiner Preise allerdings eher für Schwindelanfälle bei den Kunden – manche Uhren kosten fast eine Million Euro. Somit sind diese Uhren ideales Statussymbol und Ego-Verstärker für die betuchte Kundschaft. Und schön sind sie allemal.

Ganggenauigkeit für Taschenuhr

Erfinder des Tourbillon ist der geniale Uhrmacher Abraham-Louis Breguet. Er feilte sechs Jahre an der Technik und patentierte sie im Jahr 1801. Wohlgemerkt: Um 1800 waren Taschenuhren en vogue, sie ruhten meist still und horizontal in der Westentasche – hier ergab ein Tourbillon durchaus Sinn. Das Werk einer Armbanduhr, die erst Anfang des 20. Jahrhunderts modern wurde, kann wegen der Bewegung des Armes jedoch de facto nicht stabilisiert werden. Bei ihr wird dank moderner Technik und hochwertiger Verarbeitung aber auch ohne Tourbillon eine hohe Ganggenauigkeit erreicht.

Dennoch kannte der Ehrgeiz keine Grenzen: In den 1920er Jahren erfand Alfred Helwig, Fachlehrer an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte, das „Fliegende Tourbillon“, das nur einseitig aufgehängt ist. Jaeger-LeCoultre entwickelte das Gyro-Tourbillon: Hier dreht eine komplexe Mechanik die Unruh laufend um drei Achsen. Der Gewinn an Ganggenauigkeit ist jedoch kaum messbar und für Otto-Normalverbraucher nicht nachzuvollziehen.

Thomas Prescher entwickelte 2003 das Modell „Doppel-Achs-Tourbillon“ in einer Taschenuhr und 2004 in einer Armbanduhr. De facto erhält das Uhrwerk damit stets eine gleichmäßige Kraft. 2004 brachte Thomas Prescher Haute Horlogerie ein „Triple-Achs-Tourbillon“ in einer Armbanduhr heraus. Die Besonderheit hierbei ist, dass sich das Tourbillon um drei Achsen dreht.

Das Doppel-Achs-Tourbillon von Thomas Prescher

Eine Uhr für eine Million Dollar

Greubel Forsey aus der Schweiz entwickelte ebenfalls 2004 das mit einem Doppel-Tourbillon ausgestattete Modell „Double Tourbillon 30°“. Verbaut wurde ein kleinerer, um 30 Grad abgewinkelter Tourbillon in einem größeren Tourbillon-Drehgestell. Die Idee dahinter: Durch das Zusammenspiel der beiden schief zueinander geneigten Käfige werden die von der Erdanziehungskraft verursachten Gangabweichungen in allen Positionen aufgehoben. Seit 2008 produziert Greubel Forsey den bisherigen Spitzenreiter an verspielter technischer Raffinesse: Das „Quadruple Tourbillon à différentiel“ verfügt über zwei Doppel-Tourbillons vereint in einem Gehäuse. Zum Einsatz kommt bei dieser Uhr ein sphärisches Differential, das die vier Tourbillon-Gestelle miteinander verbindet.

Quadruple Tourbillon à différentiel von Greubel Forsey

Das sorgt hierbei wie bei einem Auto für eine gleichmäßige Kraftübertra-gung. Die Entwicklung des Uhrwerkes dauerte fünf Jahre, es enthält 531 individuell und nur für diese Uhr gefertigte Einzelteile. Alleine Politur und Dekoration des Werkes verschlangen 500 Stunden Arbeit. Pro Jahr können nur sechs dieser Meisterwerke hergestellt werden. Die Uhr ist, angesichts der von der arbeitenden Bevölkerung eingebrachten Mühen, ein echtes Schnäppchen für die oberen Zehntausend dieser Welt: Zu haben ist das gute Stück für nur eine Million Dollar.

Es geht auch anders: Da ein Uhrwerk leicht nachzubauen ist, drängen inzwischen auch Anbieter aus China und aus Russland auf den Markt. Diese Uhren bieten wahrscheinlich nicht unbedingt eine Top-Verarbeitung, ganz zu schweigen vom Status. Doch sie kosten nur rund 3000 Euro.

Fazit:

Der technischen Raffinesse sind keine Grenzen gesetzt – ein Tourbillon ist eine luxuriöse, technische Spielerei, die alle Freunde der Technik fasziniert. Zudem ist das Bauteil ein Statussymbol innerhalb des Statussymbols – prima geeignet, um in der nächsten Vorstandssitzung aufmüpfige Emporkömmlinge mit einem dezenten Hochziehen des Hemdärmels durch eine stille Demonstration des eigenen Erfolges subito zum Schweigen zu bringen. Wer in Paris am Place Vendome oder an der Lower East Side in Manhattan in die High Society aufgenommen werden will, braucht als Eisbrecher unbedingt einen Tourbillon einer Luxusmarke. Für Otto-Normalverbraucher jedoch erschließt sich der Wert der filigranen Technik nicht unbedingt – zumal ein Tourbillon durchaus sensibel behandelt werden muss. Wer die Technik mag, sich aber dennoch nicht in den Ruin stürzen will, sollte sich bei russischen oder chinesischen Uhren umschauen.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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