2,5 Millionen Euro für eine einzige Flasche Whisky. Karaffen, die nur per Fingerabdruck aufgehen. Kunstwerke in Flaschenform, die jahrzehntelang ungeöffnet bleiben. Und ein Rapper, der Cognac nur auf Einladung verkauft. Das ist die kuriose Welt der teuersten Spirituosen.
Ende November 2023, Sotheby’s in London. Versteigert wird eine Flasche Whisky von Macallan. Der Preis klettert weit über die Schätzung hinaus. Dann fällt der Hammer: 2.187.500 Pfund, umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro. The Macallan Valerio Adami 1926 ist damit die teuerste Flasche Wein oder Spirituose, die je versteigert wurde. 60 Jahre reifte der Whisky in Fass Nr. 263, bevor Macallan 1986 gerade einmal 40 Flaschen abfüllte. Zwölf davon erhielten später ein Etikett des italienischen Pop-Art-Künstlers Valerio Adami. Kaufen konnte man sie nie im Laden: Macallan gab die Flaschen nur an seine wichtigsten Kunden ab.
Ist der Inhalt das wirklich wert? »Da ist natürlich viel Spekulation und Prestige im Spiel, der Whisky im Glas ist niemals so viel wert«, sagt Gerik Spiquel, Spirituosenexperte und Mitgründer der Zürcher Importfirma Figee Fine Goods.
Lange galt alter Whisky vor allem als Genussmittel für Kenner. 1987 zahlte ein Händler 5000 Pfund für eine Flasche 60-jährigen Macallan, abgefüllt für die Serie Fine & Rare – damals ein Weltrekord. Dann wurden Spirituosen zur Kunst erhoben und immer teurer. 1986 gestaltete der britische Pop-Art-Star Peter Blake zwölf Etiketten für den Macallan-Jahrgang 1926, der Ire Michael Dillon bemalte im gleichen Jahr eine einzelne Flasche davon von Hand. 2018 knackte die Dillon-Flasche als erster Whisky überhaupt die Millionengrenze, 2023 folgte dann der aktuelle Rekord mit der Adami-Abfüllung. Alle diese Flaschen stammen übrigens aus demselben Fass Nr. 263 aus dem Jahr 1926.
Trinkbare Kunst
Das sind natürlich extreme Beispiele, aber diese Whiskys sind bei Weitem nicht die einzigen, die für Beträge im fünf-, sechs- oder eben gar siebenstelligen Bereich gehandelt werden. Doch wie rechtfertigen sich diese Preise? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens: die Zeit. Während der jahrzehntelangen Lagerung verdunstet ein Teil des Alkohols, der »Angel’s Share«. »Nach Jahrzehnten bleiben aus einem 250-Liter-Fass oft weniger als 100 Flaschen übrig«, sagt Spiquel. Zweitens: der Name. Macallan blickt auf eine über 200-jährige Geschichte zurück und ist die wohl bekannteste Whisky-Marke der Welt. Deswegen kann sie schlicht mehr verlangen als die Konkurrenz. Und drittens: die Verpackung. Wer so viel zahlt, erhält oft ein Kunstwerk im Regal.
Hier kommt Lalique ins Spiel. Die legendäre französische Kristallmanufaktur, geführt vom Schweizer Unternehmer Silvio Denz, wurde in den letzten Jahrzehnten zum bevorzugten Gehäuse für die Edelspirituosen der Welt. Allein die Herstellung einer Karaffe kostet laut Spiquel über 1000 Euro, genaue Zahlen sind nicht einsehbar. Nur eine Handvoll Destillerien darf mit Lalique zusammenarbeiten, es handelt sich dabei um die Crème de la Crème der Spirituosenwelt: Macallan-Whisky, Hardy-Cognac, Beluga-Wodka, Dictador-Rum und Patrón-Tequila wurden bereits in die edlen Karaffen abgefüllt. Seit 2019 ist die Firma zudem Mitinhaberin der schottischen Whisky-Destillerie Glenturret. Diese Abfüllungen gehören regelmäßig zu den teuersten Spirituosen der Welt. Legendär ist etwa die »Six Pillars«-Kollektion von Macallan: Zwischen 2005 und 2016 erschienen sechs Kristallkaraffen mit Whiskys zwischen 50 und 65 Jahren. Wer das komplette Set besitzt, sitzt auf einem Schatz von mehreren hunderttausend Euro. Die schottische Brennerei Glenturret folgte mit ihrem ersten 50-jährigen Whisky, abgefüllt in 150 Karaffen aus schwarzem Kristall, das sehr kompliziert herzustellen ist. Preis: 40.000 Pfund. Und dann setzte sie noch einen drauf: Zum 80. Geburtstag des US-Stars der Lichtkunst, James Turrell, entstand »Eight Decades«. 80 Flaschen zu je 80.000 Pfund.



Hip-Hop, Charity und Millionen-Deals
Aber nicht nur Whisky hat das Privileg, in Lalique-Karaffen abgefüllt zu werden: Eine Kollaboration mit Beluga Vodka wurde für über 16.000 Dollar verkauft. Hardy füllte Cognac aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ab. Und vom Rum »Dictador Generations en Lalique« gibt es weltweit nur 300 Stück. Eines davon steht in Zürich bei Figee, gut gesichert: Das Gehäuse öffnet sich nur mit Spiquels Fingerabdruck. Nach dem Verkauf wird das System neu programmiert.
Für eine der jüngsten Kollaborationen ist Rapper Curtis »50 Cent« Jackson verantwortlich. Er brachte mit seiner Firma Sire Spirits und Lalique die »505 Edition Branson« auf den Markt, einen edlen Cognac in 505 Karaffen. Einfach kaufen? Keine Chance. Es braucht dafür eine Einladung, dann eine Spende von 5000 Dollar an Jacksons Stiftung für benachteiligte Jugendliche. Erst danach darf man für weitere 20.000 Dollar zuschlagen.
Und wer kauft solche Flaschen? »Das ist gar nicht so einfach zu sagen, da vieles über den Zwischenhandel läuft«, betont Spiquel. Und auch bei Auktionen werde in der Regel anonym geboten. Getrunken werden sie aber selten, zumindest in unseren Breitengraden. »Einige dieser Flaschen sind von massiven, skulpturalen Kunstwerken umgeben. Das sind im Grunde Kunstobjekte, die sich die Leute für ihr Zuhause oder Büro kaufen – reine Schaustücke.« Nicht so in China und Hongkong: »Dort werden Flaschen im Wert von 30.000 oder 50.000 Euro geöffnet, um auf die Unterzeichnung eines Millionendeals anzustoßen.«
Das Geschäft mit diesen Luxusspirituosen boomt laut Spiquel wie nie zuvor. Denn die Sammler dieser raren Schätze wissen etwas: Selbst wenn der Wert nicht steigt, hat man etwas Greifbares, das man im Notfall auch nach Jahren noch öffnen, mit Freunden teilen und genießen kann.
Quelle: Falstaff Schweiz, Benjamin Herzog, Chefredaktion Schweiz
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