Von überschwänglicher Vorfreude kann keine Rede sein. Stattdessen kämpft die Fussball-WM in Nordamerika mit einem groben Imageproblem. Gut für die FIFA, dass nun der Ball rollt.
Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko startet heute mit dem Eröffnungsspiel Mexikos gegen Südafrika. Wer die vergangenen Tage, Wochen, Monate rund um das Turnier verfolgt hat, kommt nicht umhin, mindestens mit einem zwiespältigen Gefühl auf das Championat in Übersee zu blicken.
«Die FIFA weiss, dass eine WM in Diktaturen einfacher zu organisieren ist», oder “Fußball ist anstrengender geworden”, sagte der kluge frühere deutsche Nationalspieler und heutige ARD-Experte Thomas Hitzlsperger und seufzte dabei nachdenklich. Er hat recht: Fußball ist tatsächlich anstrengender geworden. Zumal bei dieser WM.
Zwei Männer haben sich im Vorfeld mit bemerkenswerter Beharrlichkeit alle Mühe gegeben, mit ohrenbetäubenden Nebengeräuschen Energie abzuziehen und die Vorfreude gehörig zu drücken: Gianni Infantino, der ebenso omnipräsente wie beispiellos windige Chef des Fußball-Weltverbands Fifa, und US-Präsident Donald Trump. Der Co-Gastgeber befindet sich aktuell im Kriegszustand mit einem Teilnehmer. Der bald 80-jährige Trump hetzt zudem mit zweifelhafter Legitimation eine Miliz auf die Jagd nach illegalen Einwanderern in seinem Land. Und seine Regierung verschreckt und brüskiert Tag um Tag langjährige Verbündete.
Die durch die Fifa aufgerufenen Ticketpreise sind abstrus hoch. Befördert wird das durch das vom Weltverband eigens eingeführte “Dynamic Pricing”, also Preise, die sich ständig ändern. Hinzu kommt eine Verkaufsplattform, auf der Kartenbesitzer ihre Tickets anbieten können. Und die Fifa verdient dabei eifrig mit, 15 Prozent Gebühr streicht der Dachverband pro wiederverkauftem Ticket ein. Dazu wird verramscht, was nicht niet- und nagelfest ist: Fans können auf den Anzeigetafeln in den WM-Stadien Familie und Freunde in der Heimat grüßen, also einen “Super-Shoutout” für all jene bestellen, die nicht dazu bereit waren, Haus und Hof für ein Ticket zu versetzen.
Forscher warnen davor, dass in gleich 14 der insgesamt 16 genutzten Arenen gefährliche Hitzewerte überschritten werden könnten: Immerhin hat das die Fifa nun doch zum Einlenken gebracht. Nach anfänglichem Verbot erlaubt sie Fans nun, zumindest eine verschlossene Einweg-Wasserflasche aus weichem Kunststoff mit einem Fassungsvermögen von 20 Unzen (590 ml) zu jedem Spiel mitzunehmen.
Ist es also verwerflich, sich trotz des moralischen und finanziellen Irrsinns auf dieses Turnier zu freuen? Wäre gar ein zeitweise ins Spiel gebrachter WM-Boykott seitens des Deutschen Fußball-Bundes und anderer einflussreicher Verbände der richtigere Schritt gewesen?
Fakt ist: Trump und Infantino, längst entkoppelt von der Realität wie ihre Steigbügelhalter und Erfüllungsgehilfen mit ihnen, würden die WM in jedem Fall als Erfolg verkaufen. Wer trotz fotografischer Beweise felsenfest behauptet, seine Amtseinführung sei besser besucht gewesen als die seines Vorgängers, wer noch immer vom Fußball als gesellschaftsstiftender Instanz spricht und gleichzeitig leidenschaftliche Fans durch schiere Geldmacherei aussperrt, der wird auch kein Problem damit haben, halbvolle Stadien schönzureden. Insofern ist die volle Konzentration auf das Geschehen auf dem Platz vielleicht in gewisser Weise auch eine Art Selbstschutz, eine Priorisierung des Beeinflussbaren: die eigene Stimmung, die ursprüngliche Lust auf Fußball. Kurz gesagt: Trump und Infantino wollen die WM für sich vereinnahmen? Das dürfen wir nicht zulassen.
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