Donnerstag , 22 April 2021
ende

Von der belächelten Gesundheits-Latsche zur hippen Mode-Ikone

Einst lachten die Franzosen über Deutsche in Birkenstocks. Nun kauft ein französischer Milliardär die Mehrheit an der Traditionsfirma. Die Gesundheitschuhe sind längst hip. 

Fast 250 Jahre nach seiner Gründung in Frankfurt kommt Birkenstock in ausländische Hand. Die amerikanisch-französische Beteiligungsgesellschaft L Catterton und die Familienholding Financière Agache des französischen Milliardärs Bernard Arnault übernehmen die Mehrheit am bekannten Sandalenhersteller. Das gab das Unternehmen aus Linz am Rhein am Freitag bekannt.

Alle Jobs bleiben erhalten

Die Partnerschaft sei für Birkenstock der nächste logische Schritt, um in Asien Fuß zu fassen. „Für die nächsten 250 Jahre brauchen wir Partner mit der gleichen strategischen und langfristigen Vision wie die der Familie Birkenstock“, erklärten die Erben Christian und Alex Birkenstock. Keinesfalls handele es sich um den Ausverkauf einer deutschen Traditionsfirma, versicherten sie. Alle Jobs blieben erhalten.

Arnault, der neue Mehrheitseigentümer, verfügt mit seinem weltgrößten Luxus-Imperium LVMH über exzellente Marktzugänge und Kontakte in Asien. Der französische Milliardär würdigte Birkenstock als „einer der wenigen ikonischen Marken in der Schuhindustrie“.

Das war nicht immer so. Früher galten Birkenstock-Sandalen als langweilige Gesundheitslatschen. Vor allem Arzthelfer und Krankenpfleger trugen die bequemen Schuhe. Dann wurden sie von Hippies und alternativen „Ökos“ entdeckt. Besonders die Gymnastik-Sandale „Madrid“ mit dem orthopädischen aus Kork gefertigten Fußbett und den zwei großen Schnallen erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Imagewandel seit der Jahrtausendwende

Erst ab der Jahrtausendwende änderte sich das Image der Marke, als Supermodels wie Kate Moss und Heidi Klum in Birkenstocks über die Laufstege stolzierten. Auch Apple-Gründer Steve Jobs zeigte sich bei seinen Auftritten gerne in den Gesundheitssandalen. Seither gilt die Marke Birkenstock als hip und modern. Besonders modebewußte Chinesen finden Gefallen an den Kult-Sandalen.

So richtig erklären kann sich kaum einer den Wandel der Öko-Treter zur Mode-Ikone. „Es gibt einfach nichts Besseres als ein wirklich schönes Kleid mit hässlichen Schuhen“, meint die „Vogue“-Stylistin Emma Morrison über den Birkenstock-Trend. Vielleicht ist es das streng funktionale deutsche Design, das die Faszination ausmacht. Selbst Birkenstock-Chef Oliver Reichert räumt ein, dass es bei den Schuhen für so manchen Käufer halt erst „Liebe auf den zweiten Blick“ sei.

„Noch nie so viele Schuhe produziert“

Diese Liebe macht sich bezahlt. Im vergangenen Geschäftsjahr verkaufte Birkenstock fast 24 Millionen Schuhpaare. „Nie zuvor haben wir mehr Schuhe produziert“, sagt Reichert. Der Umsatz lag 2019/20 in etwa so hoch wie auf dem Niveau des Vorjahres, nämlich gut 720 Millionen Euro. Der Gewinn betrug 2018/19 rund 129 Millionen Euro.

Das Traditionsunternehmen stellt mittlerweile nicht nur Sandalen, sondern auch konventionelle Schuhe, Strümpfe, Gürtel, Taschen, Naturkosmetik und sogar Betten her. Produziert werden die Produkte fast ausschließlich in Deutschland, unter anderem im sächsischen Görlitz an der Grenze zu Polen.

Das Problem mit Betriebsräten und Gleichbehandung

In der Vergangenheit machte Birkenstock aber nicht immer nur positive Schlagzeilen. Der letzte Firmenpatriarch der Familie, Karl Birkenstock, lehnte jahrelang die Gründung eines Betriebsrats ab. In den 1990er Jahren beschimpfte er Betriebsräte als „Aussätzige“.

Auch Frauen wurden lange Zeit diskriminiert – in Sachen Lohn. Bis 2012 erhielten sie weniger Gehalt als die männlichen Mitarbeiter. Erst der öffentliche Druck und ein Gericht stoppten die Ungleichbehandlung.

Werden die Sandalen jetzt teurer?

Diese Schönheitsflecken in der Geschichte sind inzwischen vergessen. Bleibt nur die Frage, ob Birkenstock-Sandale mit dem Einstieg von LVMH nun zum Luxusprodukt werden? Das Traditionsunternehmen verneint dies. Es werden weiterhin Schuhe für die Breite der Bevölkerung angeboten, betonte ein Sprecher. Die Preise beginnen bei rund 60 Euro. Ob die Qualität der Kult-Schuhe unter dem neuen ausländischen Eigentümer leiden wird, bleibt offen. In den günstigeren Birkenstock-Sandalen wird offenbar zunehmend Kunststoff eingesetzt.

About Karl Heinz Nuber

Nuber ist langjähriger unabhängiger Uhren Journalist und begann seine Karriere in den frühen 80er Jahren. Durch das Sammeln kam er zum Schreiben. Er ist Gründer des vierteljährlich regelmässig bilingual – Deutsch und English - erscheinenden TOURBILLON Magazin’s, dem TOURBILLON Blog TICK-Talk, der Ausstellungs- und Event Plattform Art of TOURBILLON und TOURBILLON TV. Er tritt regelmässig als Kenner der Branche in Erscheinung.

Check Also

Der neue Ferrari Limited-Edition V12: der Countdown läuft

Die ersten offiziellen Fotos der Sonderversion des 812 Superfast wurden heute veröffentlicht – Der Name …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.