Dienstag , 16 August 2022
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Beyer Chronometrie forciert den NFT-Uhren-Hype in der Schweiz

Das Schweizer Traditionsunternehmen Beyer präsentiert eine Weltneuheit: eine Kollektion an NFT-Uhren. Was hinter dem Projekt der “Virtuellen Uhren” steckt, die auf 100 Stück limitiert wurden und warum 950 Schweizer Franken noch günstig sind.

Rene Beyer’s dickster Buddy, Jean-Claude Biver (Ex-Blancpain, Ex-Hublot, Ex-Tag Heuer, Ex-Zenith), sowie Jacob Arabo von Jacob & Co. New York waren die Vorbilder respektive die Inspiration für diese PR-Aktion, Uhren anzubieten, die physisch nicht existent sind. Also ist Beyer in bester Gesellschaft.

Next level: Die Designer Simon Husslein und Niklaus A. Hodel verraten, wie sie auf ihre Beyer Kreationen kamen, was sie am neuen virtuellen Universum reizt und wie sie NFT-Hype einschätzen.

Digitale Uhren, die nicht existent sind, was für ein Schmarren!

Während das Metaverse für die meisten von uns noch kaum greifbar ist, haben Sie sich bereits intensiv damit auseinandergesetzt. Wie weit sind Sie schon in dieses neue Universum vorgedrungen?
Niklaus A. Hodel: Es ist ein bisschen wie damals bei den ersten Mobiltelefonen. Man weiss, dass sie kommen, aber nicht, in welcher Form sie sich durchsetzen werden. Durch meine Tätigkeit in der Mode werde ich aktuell stark mit dem Metaverse konfrontiert, die Branche investiert unglaubliche Ressourcen in diesen möglichen neuen Geschäftszweig. Privat war ich bisher selten in dieser Parallelwelt unterwegs. Ich beobachte die Entwicklung daher noch eher von aussen.

Simon Husslein: An der HEAD in Genf, an der ich Innenarchitektur und Szenografie unterrichte, begannen wir vor drei Jahren mit einem Projekt, das die neuen Möglichkeiten der Raumgestaltung in der virtuellen Realität untersuchte. Damals gab es den Metaverse-Hype noch gar nicht. Aus dem Erfolg dieses Projekts und meinem persönlichen Interesse an immersiven Erlebnissen entstand ein breites Spektrum an Themen, innerhalb derer ich inzwischen auch mit meiner eigenen Firma intensiv entwickle. Und ja: Die VR-Brille, die es braucht, um Teil zu sein von diesem Universum, setzen wir uns inzwischen fast täglich auf.

Sie schaffen virtuelle Räume, in denen man sich bewegen kann wie im echten Leben. Wie muss man sich das vorstellen?
Husslein: Im Unterschied zu einer Simulation am Bildschirm, wie wir sie vom PC her kennen, fühlt man sich in der VR-Brille wie an einen anderen Ort versetzt. Das macht atmosphärisch einen riesengrossen Unterschied. In der Zukunft wird man zwischen verschiedensten Welten unterschiedlicher Anbieter wechseln können, so wie wir von einer Webseite zur nächsten springen. Gründe, sich dort aufzuhalten, gibt es viele: von Spielen und virtuellen Reisen bis zu professionellen Anwendungen wie Meetings und Schulungen. Wir benutzen bereits jetzt Virtual Reality für Besprechungen von Innenarchitektur- Projekten. So treffe ich mich von Zürich aus regelmässig mit Mitarbeitenden in Genf und München direkt in den virtuellen Räumen, an denen wir arbeiten.

Was ist die grösste Herausforderung beim Bau solcher Räume?
Husslein: Für mich als Gestalter steht das Raumgefühl im Zentrum. Wir haben festgestellt, dass man sich in Räumen, die abstrakt virtuell wirken und nicht naturgetreu einer physischen Architektur nachempfunden sind, auf Dauer wohler fühlt. Daher forschen wir vornehmlich in diesem Bereich. Aber unabhängig davon, ob ein Ort nun aussieht, wie wir ihn bereits kennen, oder einen abstrakten Gestaltungsansatz verfolgt: Es kommt immer auf den Grund an, weshalb ich mich überhaupt dort aufhalten möchte. Habe ich da ein Meeting? Oder will ich meinen digitalen Turnschuh an einem virtuellen Konzert zeigen?

Was genau soll ich mit einem virtuellen Turnschuh anfangen?
Hodel: Die Tendenz zu mehr Online-Präsenz in Form von Meetings, Shopping, Gaming oder Social Media wird bei Nutzern die Frage aufwerfen, wie er oder sie sich digital oder eben im Metaverse präsentieren will. Was ziehe ich meinem Avatar zum digitalen Interview an? Wie präsentiere ich mich, wenn ich unter der Brille mit Freunden durch ein virtuelles New York im Jahr 2357 spaziere? Virtuelle Turnschuhe können sowohl ein Teil der digitalen Selbstverwirklichung als auch situationsbedingtes Accessoire sein, genau wie im analogen Leben.

Husslein: Noch findet das Ganze im kleinen Rahmen statt. Leute, die sich jetzt schon länger in virtuellen Räumen aufhalten oder NFTs minten, sind extreme Insider. Aber das wird sich wohl schon sehr bald ändern. So wie sich die Welt mit dem Internet oder mit Social Media verändert hat.

«MAN FÜHLT SICH UNTER DER VR-BRILLE AN EINEN ANDEREN ORT VERSETZT.»

Wird das Metaverse die physische Realität ein Stück weit ersetzen?
Husslein: Das Metaverse wird einen Waldspaziergang nie ersetzen können. Aber darum geht es meiner Meinung nach auch nicht. Für ältere Generationen ist es schwierig, die virtuellen Möglichkeiten mit den physischen gleichzusetzen. Weil wir Virtuelles dem, was wir als «echt» empfindet, unterordnen. Für die kommende Generation ist das anders, sie bewertet das nicht. Für sie wird es ganz normal sein, je nach Nutzen zu entscheiden, welcher Welt sie sich bedient. Wenn diese Generation dereinst übernimmt, wird sich vieles radikal verändern, das können wir uns gar noch nicht vorstellen.

Für Beyer & FTSY8 Fictional Studios haben Sie erstmals Uhren-NFTs entwickelt. Was reizte Sie an diesem Projekt?
Hodel: Wir stehen am Anfang von etwas Gigantischem und erleben eine Goldgräberstimmung, wie es sie nur noch selten gibt. Hinzu kommen ein grosses persönliches Interesse an Uhren und die damit verbundene Ehre, für ein Traditionshaus wie Beyer etwas komplett Neues zu kreieren, ganz ohne technische Einschränkung. Es fühlte sich teilweise an, als würde ich mein eigenes Weihnachtsgeschenk designen.

Husslein: Für einen starken Brand ein Pionierprojekt zu realisieren, ist unheimlich spannend. Man macht sicher auch mit, um die neuen Möglichkeiten noch besser verstehen zu lernen; nicht zuletzt aus dieser Neugier heraus wurden wir Designer. Bis ich meine Uhr im Metaverse dreidimensional tragen und mit ihr am Handgelenk vom Live-Konzert in den nächsten Chatroom spazieren kann, wird es aber noch seine Zeit dauern. Gleichwohl ist absehbar, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln. Was dann wirklich um uns rumfliegen oder an uns dranhängen wird, weiss heute niemand. Trotzdem ist man an diesen Themen dran und probiert, reibt sich, macht Fehler, erfindet coole Dinge – und aktiviert so die Hirnzellen von vielen Leuten, die sich fragen: Was macht ihr da, ergibt das überhaupt Sinn? (Lacht.)

Verstehen Sie diesen NFT-Hype?
Hodel: Mein Vater schickt mir regelmässig Artikel über Sneakers und die Preisentwicklung von besonders seltenen und gefragten Modellen: Turnschuhe im Wirtschaftsteil der NZZ oder auf dem Cover von «The Economist» – das war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Ähnlich ist es mit NFTs, sie sind eine Reflexion der Gegenwart. Auch in einer durchdigitalisierten Welt braucht es Statussymbole. Und Statussymbole sind immer dort am spannendsten, wo die Leute viel Zeit verbringen, heute also im Internet. Ich stelle mir vor, dass wir dereinst alle eine digitale Wallet unter anderem mit unseren NFTs besitzen, die öffentlich einsehbar ist. Eine NFT-Uhr der ersten Stunde kann in so einer Sammlung durchaus wertvoll werden. Ähnlich vielleicht wie die Renaissance-Turmuhr im Uhrenmuseum Beyer.

Von welcher Ihrer Uhren dachten Sie als erster: Die muss ich machen?
Hodel: «The Nocturnal». Oder wie ich sie inoffiziell auch gern nenne: Chronosaurus. Die Idee war, im Duktus der unverwechselbaren und leicht überzeichneten Game-Ästhetik einen Hybrid zwischen Lebewesen und Maschine fürs Handgelenk zu entwerfen. Die Leuchtanzeige, die durch die Haut schimmert, die goldenen Armreifen und Diamanten an den Fesseln: «The Nocturnal» vereint das ganze Beyer-Universum bestehend aus Tradition, Uhrmacherkunst, Schmuckverständnis und dem leicht Exotischen aus dem hauseigenen Museum.

Husslein: Ich habe mit der Uhr aus dem Film «Pulp Fiction» begonnen. Aus meiner Sicht ist diese Filmszene absolut ikonisch. Wir haben die Uhr «The Hanoi» genannt. Die Uhr «The Continuum» wiederum wurde mit einem einzigen, zusammenhängenden Faden gezeichnet – und das von A bis Z in der Brille, also im virtuellen Raum, wo ich beim Zeichnen um die vergrösserte, dreidimensionale Uhr herumlaufen konnte. Bei «The Pocket X» schliesst sich der Kreis für Beyer von den ersten verkauften Taschenuhren vor über 260 Jahren bis zur heutigen Zeit: Ein solches Kleinod mit nur vier Zahlen, die die Zeit anzeigen, hätte ich tatsächlich selber gern – am liebsten in physischer Form.

«EINE NFT-UHR DER ERSTEN STUNDE KANN DURCHAUS WERTVOLL WERDEN.»

Bei Ihnen, Herr Hodel, wird es sehr technisch und verspielt. Und doch denkt man: Eigentlich sind diese Ideen schon fast machbar.
Hodel: Fast wie früher am Auto-Salon Genf, als es noch die fantastischen Prototypen gab, deren Innovationen bis zur Serienreife dann aber doch immer etwas länger brauchten (lacht). Die «Solarograph» wird von Solarzellen in den Sub-Dials angetrieben, ist verschleissfrei und besitzt bei voller Ladung eine Gangreserve von drei Monaten. Sie ist meine Interpretation von Nachhaltigkeit. Bei der «Multigraph» kann man durch Drehen der Lünette sieben Komplikationen ansteuern. Die Zeiger hüpfen entsprechend der Funktion in die jeweils richtige Position. In der echten Welt würde eine solche Mechanik eine Uhr wohl mindestens so dick wie ein Schweizer Armeemesser machen.

Gab es auch Krisen beim Entwerfen der NFTs? Wo haben Sie sich verschätzt?
Hodel: Ich liebe Uhren. Aber erst beim Entwerfen merkte ich, wie absurd hoch Präzision und Perfektion sind, die wir als Uhrenstandard gewohnt sind. Zifferblatt, Bandanstösse, Lünette, Zeiger, die Materialien: Bis das bei mir zusammenpasste, verging viel Zeit. Wie bei kaum einem anderen Gebrauchsgegenstand macht bei einer Uhr schon ein Mikrometer den Unterschied. «The Nocturnal» hingegen war in fünf Minuten gezeichnet.

Husslein: Es war gar nicht so einfach, sich von den technischen Vorgaben realer Uhren zu lösen und frei an die Sache ranzugehen. Erst im späteren Verlauf dachte ich: Man kann das ja noch viel extremer machen! Ich will Pink! Ich will Neon!

Hodel: Wir beide sind uns gewohnt, für bestehende Marken zu designen und in deren DNA die Sprache zu variieren. Davon kann man sich nur schwer lösen. Mir half es, dass ich mir vorstellte, wie Herr Beyer in der Kuriositätenecke seines Museums ein Kästchen öffnet, das Chamäleon rausnimmt – und damit die Besucher verblüfft.

Wenn Sie eine NFT-Uhr aus dieser Kollektion auslesen könnten, die nicht Ihre eigene ist: Welche würden Sie wählen?
odel: «The Hanoi» von Simon: Mit «Pulp Fiction» bin ich gross geworden. Und wer von seinem Vater je eine Uhr bekommen oder geerbt hat, weiss um den unvergleichlichen emotionalen Wert. Um ihn geht es in dieser Szene. Deshalb ist auch die Pointe so stark. Jetzt ist diese Uhr nicht mehr nur Filmrequisit, sondern ein Objekt, das man kaufen kann.

Husslein: Ich nehme das Chamäleon. Weil es aus der Kollektion heraussticht und sagt: In der digitalen Welt ist noch so viel mehr möglich, als wir uns im Moment überhaupt vorstellen können.

Weitere Informationen unter:
beyer-ftsy8.com

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About Karl Heinz Nuber

Nuber ist langjähriger unabhängiger Uhren Journalist und begann seine Karriere in den frühen 80er Jahren. Durch das Sammeln kam er zum Schreiben. Er ist Gründer des vierteljährlich regelmässig bilingual – Deutsch und English - erscheinenden TOURBILLON Magazin’s, dem TOURBILLON Blog TICK-Talk, der Ausstellungs- und Event Plattform Art of TOURBILLON und TOURBILLON TV. Er tritt regelmässig als Kenner der Branche in Erscheinung.

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