Dienstag , 10 Dezember 2019
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Milliarden-Coup: Dresdner Schatzkammer ausgeraubt

Spektakulärer Diebstahl aus Dresdens Schatzkammer: Einbrecher haben Juwelen von unschätzbarem Wert aus dem Grünen Gewölbe gestohlen. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur.

Es ist einer der spektakulärsten Fälle der vergangenen Jahrzehnte – und einer der rätselhaftesten dazu: Einbrecher haben aus der berühmten Schatzkammer Grünes Gewölbe in Dresden Kunstschätze von kaum messbarem Wert gestohlen. Vermutlich zwei Täter stiegen über ein Fenster in das Residenzschloss mitten in der Dresdner Altstadt ein. Doch wer sind die Einbrecher? Hatten sie Komplizen? Und gibt es einen Zusammenhang zu einem ausgebrannten Audi und einem zerstörten Sicherungskasten ganz in der Nähe des Tatorts?

Die Polizei fahndet auch am Dienstag weiter nach den flüchtigen Tätern. Noch unklar ist das Ausmaß des Verlusts, mit dem das berühmte barocke Schatzkammermuseum international in die Schlagzeilen geraten ist. Selbst Museumsdirektor Dirk Syndram kennt das ganze Ausmaß nicht. Immerhin sei die Vitrine nicht vollständig leergeräumt worden, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe ein Foto gesehen, das zeigt, dass nicht alles fehlt.“

Eine umfassende Bestandsaufnahme ist erst nach Ende der Spurensicherung möglich. „Sobald der Tatort freigegeben ist, werden wir die Sachen schnellstmöglich bergen und wissen, wie viel von den knapp 100 Objekten, die insgesamt in der Vitrine waren, nicht mehr da sind“, sagte Syndram. Die Tat bezeichnete er als „Super-Gau“.

Die Spurensuche wurde am Montagabend um 21 Uhr unterbrochen und sollte am Dienstagmorgen um 7 Uhr weitergehen, wie ein Polizeisprecher sagte. „Deswegen bewachen wir das Schloss in der Nacht.“ Die Suche nach DNA der Diebe sei nicht einfach in einem Museum, in dem ständig Betrieb ist.

Überwachungsvideo veröffentlicht

Die Kriminalpolizei veröffentlichte am Abend ein Überwachungsvideo, auf dem zwei Einbrecher zu sehen sind. Die Ermittler gehen davon aus, dass weitere Täter beteiligt waren. Eine eilends einberufene Sonderkommission unter dem Titel „Epaulette“ wurde am Nachmittag auf 20 Beamte verdoppelt.

Auf dem Schwarz-Weiß-Film aus der Überwachungskamera im Juwelenzimmer ist zu sehen, wie zwei Männer mit Taschenlampen den Raum betreten. Einer von ihnen, mit einer Kapuze auf dem Kopf, schlägt mit einer Axt auf die Scheiben der Vitrine ein und versucht, sie aufzubrechen.

Die Täter hatten nach Polizeiangaben zuvor das Gitter eines Fensters durchtrennt, waren ins Juwelenzimmer gegangen und hatten dort zielsicher die Vitrine mit Brillant- und Diamantschmuck geplündert. „In Gänze dauerte die Tat nur wenige Minuten“, hieß es am Abend im Polizeibericht. Die Täter seien im Pretiosensaal eingestiegen und durch das Wappenzimmer zum Tatort gegangen. „Sie müssen sich ausgekannt haben“, sagte Museumsdirektor Dirk Syndram.

Syndram: Kann man nicht einfach zu Geld machen

Die Brillant- und Diamantgarnituren in dem Schatzkammermuseum, das Sachsens Kurfürst August der Starke (1670-1733) eingerichtet hatte, sind für das Museum unersetzlich und für die Diebe unverkäuflich, wie Syndram erklärte. „Das sind alles Schliffe des 18. Jahrhunderts, man kann solche Steine nicht einfach zu Geld machen.“ Die Historizität und der Erhalt der Schmuckstücke machten deren Wert aus, herausgebrochene Diamanten entwerteten sie. „Es wäre eine Dummheit, das zu machen.“

Anhand von Polizeifotos konnte Syndram sehen, dass prominente Stücke der Brillant- und Diamantrosengarnitur sowie vom Brillantschmuck der Königinnen fehlen: ein Kleinod und ein Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens, die Große Brustschleife, eine Kette aus sächsischen Perlen, eine Epaulette (Schulterstück) und ein mit über 770 Diamanten besetzter Degen.

SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann sprach von einem „Staatsschatz“. Die Schadenshöhe blieb zunächst unklar. Für die Schäden haftet der Freistaat, eine eigene Versicherung gibt es nicht. Am Abend wurde bekannt, dass nicht alle Teile der betroffenen Garnituren entwendet wurden. Nachdem der Tatort nochmal untersucht worden sei, sei klar, „dass zum Glück doch eine ganze Menge Objekte noch da sind“, sagte Ackermann im rbb-Interview von radioeins.

Um kurz vor 5 Uhr schlugen die Diebe zu

Der Einbruch wurde am frühen Montagmorgen gemeldet. Um 04.59 Uhr hätten sie vom Sicherheitsdienst die Information bekommen, dass es einen Einbruch gebe, sagte der Dresdner Polizeipräsident Jörg Kubiessa. Kurz darauf wurde der erste Streifenwagen alarmiert, wenig später waren demnach alle 16 im Stadtgebiet verfügbaren Einsatzwagen mit der Fahndung beauftragt.

Den Angaben zufolge flüchteten die Täter mit einem Audi A6 vom Tatort. Ein solches Auto wurde später in einer Tiefgarage im Dresdner Stadtteil Pieschen in Brand gesteckt, nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Der Audi wird nun untersucht. Bereits zuvor hatte die Polizei nicht ausschließen wollen, dass die Täter über die Autobahn die Flucht antraten. Die Autobahnauffahrt ist nur wenige Minuten entfernt. Die Bundespolizei wurde eingeschaltet.

Geprüft wird zudem ein möglicher Zusammenhang mit dem Brand eines Stromverteilers im Bereich der Augustusbrücke am frühen Montagmorgen. Dieser hatte für einen Stromausfall gesorgt. Unter anderem seien die Straßenlampen im Bereich des Residenzschlosses ausgefallen. „Es herrschte völlige Dunkelheit“, so Lange.

Wert lässt sich kaum ermessen

Zum Wert des Diebesguts ließ sich Generaldirektorin Ackermann am Nachmittag nicht ein. Das mit dem Wert sei so eine Sache, sagte sie. Sie könne das nicht „in einem Wert“ auflösen. Die besondere Bedeutung liege weniger im Materialwert als in der Vollständigkeit des Ensembles. Sie hofften, dass das Diebesgut aufgrund der „internationalen Bekanntheit“ dem Kunstmarkt entzogen sei. Andererseits zeigte sie sich besorgt, die Garnituren könnten zerstört und deren Steine einzeln veräußert werden.

Nach dem Einbruch soll nun das Sicherheitskonzept noch einmal überprüft werden. „Ein solches Vorkommnis wird natürlich dazu führen, dass man sich die Frage stellen muss, was man noch verschärfen muss, was man anders machen muss“, sagte Ackermann. Die Räume des Grünen Gewölbes sind eigentlich streng gesichert.

Laut Ackermann hatte das Sicherheitspersonal die Verdächtigen auf der Videoüberwachung gesehen und die Polizei verständigt. Das Personal sei nicht bewaffnet. Weltweit ist es Ackermann zufolge üblich, dass sich die Mitarbeiter in solchen Fällen keiner Gefahr aussetzen und die Polizei informieren.

Auch Polizeipräsident Jörg Kubiessa kündigte an, das Sicherheitskonzept auf den Prüfstand zu stellen. Aber dazu müsse man erstmal wissen, was passiert sei, so Kubiessa. Die Dresdner Polizei hat nach eigenen Angaben auch Kontakt zu Ermittlern in Berlin aufgenommen. Sie stünden in Kontakt, um zu sehen, „was gibt es für Zusammenhänge, was gibt es für ähnliche Tatmuster“, sagte der Leiter der Kriminalpolizei, Lange. In Berlin hatten Unbekannte im Frühjahr 2017 im Bodemuseum eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen.

Residenzschloss in Dresden: Mehrere Einbrecher haben dort wertvolle Kunstschätze aus dem Grünen Gewölbe gestohlen. (Quelle: dpa/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild)Residenzschloss in Dresden: Mehrere Einbrecher haben dort wertvolle Kunstschätze aus dem Grünen Gewölbe gestohlen. (Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa)

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nannte den Einbruch in das Grüne Gewölbe erschütternd und schockierend. „Angesichts generalstabsmäßig organisierter, hochkrimineller Täter ist der noch stärkere Schutz unserer Museen und Kultureinrichtungen eine Aufgabe von höchster Priorität“, sagte Grütters.

Residenzschloss bleibt Dienstag noch zu

Nach dem Einbruch kann das Residenzschloss eventuell am Mittwoch wieder geöffnet werden. Nach dem Einbruch blieb das Residenzschloss am Montag für Besucher geschlossen. Ein Schild am Eingang in deutscher und englischer Sprache wies darauf hin, dass das Museum aus „organisatorischen Gründen“ geschlossen bleibe.

Sachsens Regierungschef zeigte sich entsetzt: „Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen!“, sagte Michael Kretschmer (CDU). „Die Werte, die im Grünen Gewölbe und im Residenzschloss zu finden sind, sind von den Menschen im Freistaat Sachsen über viele Jahrhunderte hart erarbeitet worden“, betonte Kretschmer. „Man kann die Geschichte unseres Landes, unseres Freistaates nicht verstehen ohne das Grüne Gewölbe und die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens.“

Der Raub der Juwelen erinnerte viele Dresdner an einen ähnlichen Coup im Jahr 1977. Damals wurde der Sophienschatz aus dem Dresdner Stadtmuseum gestohlen. Er war nur mangelhaft gesichert. Teile davon sind bis heute verschollen.

Sachsens Kurfürst August der Starke (1670–1733) ließ die Schatzkammer zwischen 1723 und 1730 anlegen. Heute wird sie in zwei Abteilungen präsentiert. Der historische Teil befindet sich im Erdgeschoss des Residenzschlosses in den authentisch wiederhergestellten Räume der Sammlung. Eine Etage weiter oben zeigt das Neue Grüne Gewölbe besondere Einzelstücke.

Eines der wertvollsten Stücke des Grünen Gewölbes wird derzeit im Metropolitan Museum of Art in New York ausstellt – der Grüne Diamant. Das Hut-Schmuckstück mit dem einzigartigen Stein von 41 Karat und natürlicher Färbung gilt als spektakulärste Leihgabe der Ausstellung „Making Marvels: Science and Splendor at the Courts of Europe“.

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About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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