Donnerstag , 2 Juli 2020
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Baselworld vor dem Aus: Rolex und Co. gründen eigenen Salon

Weiterer Tiefpunkt für MCH Group: Rolex, Patek Philippe, Chanel, Chopard und Tudor kehren Basel den Rücken und wollen ab 2021 in Genf ausstellen.

Hiobsbotschaft für die Baselworld: Die bedeutenden Uhrenmarken Rolex, Patek Philippe, Tudor, Chanel und Chopard ziehen sich von der weltgrössten Uhren- und Schmuckmesse in Basel zurück und wollen in Genf einen eigenen Salon gründen. Die Marken haben heute eine entsprechende Absichtserklärung publiziert.

Unterstützt werden sie dabei von der Fondation de la Haute Horlogerie in Genf. «Weitere Marken könnten hinzukommmen», heisst es in der einschlägigen Mitteilung. Die erste Ausgabe des neuen Salons soll im April 2021 auf dem Palexpo-Gelände stattfinden, gleichzeitig mit der bereits bestehenden Genfer Uhrenmesse Watches & Wonders. Wahrscheinlich ist die LVMH Gruppe mit TAG-Heuer, Zenith, Hublot und Bulgari auch dabei, da sich die Uhrendivision von LVMH bereits schon für Genf entschieden hat.

Kritik an Baselworld-Führung

Als Grund für den Wegzug aus Basel geben die Uhrenhersteller an, dass die Leitung der Baselworld in der Vergangenheit wiederholt Massnahmen ergriffen habe, ohne die Aussteller in die Entscheidungen mit einzubinden. Konkret wird die Verschiebung der diesjährigen Ausgabe auf das Jahr 2021 genannt, die vor dem Hintergrund der Coronakrise erfolgt. Zudem sei das Management nicht fähig, die Erwartungen und Wünsche der Aussteller zu erfüllen, heisst es im Statement.

Der Wegzug dieser bedeutenden Uhrenmarken dürfte für die seit einiger Zeit kriselnde Baselworld nur äusserst schwer zu verkraften sein. Die Swatch Group hat der Basler Messe schon vor einiger Zeit den Rücken gekehrt. Im Verlauf des Nachmittags will die Leitung der Baselworld eine Stellungnahme abgeben. Auch für die schon gebeutelte Betreibergesellschaft des Basler Messegeländes, die MCH Group, ist der Wegzug der Uhrenmarken eine schlechte Nachricht.

Stimmen der Big Five

Thierry Stern, Patek Philippe

Thierry Stern, Präsident von Patek Philippe: „Die Entscheidung, die Baselworld zu verlassen, fiel mir nicht leicht, da ich in der vierten Generation der Familie Stern an dieser traditionellen jährlichen Veranstaltung teilnehme. Aber das Leben entwickelt sich ständig weiter, Dinge ändern sich und auch Menschen ändern sich, ob auf der Ebene der Verantwortlichen für die Organisation der Uhrenmesse, der Marken oder der Kunden. Wir müssen uns ständig anpassen, uns fragen, was wir tun, denn was gestern richtig war, muss heute nicht unbedingt gültig sein! Heute entspricht Patek Philippe nicht mehr der Vision der Baselworld, es gab zu viele Diskussionen und ungelöste Probleme, Vertrauen ist nicht mehr vorhanden. Wir müssen auf die legitimen Bedürfnisse unserer Einzelhändler, Kunden und der Presse aus der ganzen Welt eingehen. Sie müssen in der Lage sein, die neuen Modelle von Schweizer Uhrmachern jedes Jahr zu einem Zeitpunkt an einem Ort zu entdecken, und dies auf die professionellste Art und Weise. Aus diesem Grund haben wir uns nach mehreren Gesprächen mit Rolex und im Einvernehmen mit anderen teilnehmenden Marken entschlossen, gemeinsam eine einzigartige Veranstaltung in Genf zu schaffen, die für unser Savoir-Faire repräsentativ ist.“

Jean-Frederic Dufour, Rolex CEO

Jean-Frédéric Dufour, Vorstandsvorsitzender von Rolex SA und Vorstandsmitglied von Montres Tudor SA: „Wir nehmen seit 1939 an der Baselworld teil. Angesichts der Entwicklung der Veranstaltung und der jüngsten Entscheidungen der MCH Group und trotz der großen Bindung, die wir an diese Uhrenshow hatten, haben wir beschlossen, uns zurückzuziehen. Nach den von Rolex initiierten Diskussionen schien es nur natürlich, eine neue Veranstaltung mit Partnern zu organisieren, die unsere Vision und unsere endlose, unerschütterliche Unterstützung für die Schweizer Uhrenbranche teilen. Auf diese Weise können wir unsere neuen Uhren entsprechend unseren Bedürfnissen und Erwartungen präsentieren, uns zusammenschließen und die Interessen der Branche besser umsetzen.“

Frédéric Grangié, Präsident von Chanel Watches & Fine Jewellery

Frédéric Grangié, Präsident von Chanel Watches & Fine Jewellery: „Chanel teilt wie seine Partner die gleiche Unabhängigkeit und den gleichen Wunsch, die Werte, das Know-how, die höchste Qualität und Präzision der Schweizer Uhrmacherkunst zu schützen und zu fördern. Diese Initiative markiert einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte der Chanel-Uhrmacherkunst und ist Teil einer langfristigen Strategie, die mit dem Start dieser Aktivität im Jahr 1987 begann. Mit dieser Ausstellung können wir alle unsere neuen Kreationen in einem Umfeld präsentieren, das unsere hohen Qualitätsstandards erfüllt.

Karl-Friedrich Scheufele, Co Präsident von Chopard et Cie SA

Karl-Friedrich Scheufele, Co-Präsident von Chopard et Cie SA: „Chopard stellte 1964 erstmals auf der Basler Messe mit einem Stand von rund 25 Quadratmetern aus. Nach sorgfältiger Überlegung entschied sich unsere Familie, die Rolex-Initiative zu unterstützen und sich aus der Baselworld zurückzuziehen – eine schmerzhafte Entscheidung. Durch die Schaffung dieser neuen Uhrenausstellung in Genf parallel zu Watches & Wonders können wir unsere Uhrmacherpartner und unsere Kunden besser bedienen. Durch die Allianz können diese Grandes Maisons auch zusammenarbeiten, um die Werte und Interessen der Schweizer Uhrmacherkunst zu fördern.“

Jérôme Lambert

Jérôme Lambert sagte im Namen des Rates der Fondation de la Haute Horlogerie: „Die Fondation de la Haute Horlogerie freut sich, Anfang April einen neuen Salon begrüßen zu können, der Watches & Wonder in Genf im nächsten Jahr stärken wird.“

Unfähiges Baselworld Management verärgert immer wieder Aussteller, von denen sie leben

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, dürfte eine Pressemitteilung der Baselworld vom 3. April gewesen sein, in der die Messeleitung die Aussteller um Verständnis bat, dass die Baselworld 85% der von ihnen bereits berappten Beiträge auf die Ausgabe 2021 übertragen würde, die übrigen 15% jedoch für bereits erbrachte Leistungen zur abgesagten Ausgabe 2020 einbehalten wolle. Wer das Geld zurückerstattet haben wolle, bekäme lediglich 30% davon zurück, während 40% an die Kosten der Baselworld 2021 gehen sollten.

Die Mitteilung stiess bei den Ausstellern, namentlich den wichtigsten, auf kein Verständnis. Sie antworteten mit einem Brief, der vom Präsidenten des Ausstellerkomitees Hubert du Plessix unterschrieben war, dem Chief Investment Officer von Rolex. Ein weiterer, wohl vernachlässigbarer Kritikpunkt sei auch die Vorverlegung der Baselworld 2021 auf Januar gewesen sein, die mit den Ausstellern offenbar nicht abgesprochen war.

MCH Group sucht Fehler bei den Ausstellern, anstatt vor der eigenen Türe zu kehren

Die MCH Group nimmt mit grosser Überraschung und ebenso grossem Bedauern die Absage wichtiger Aussteller an der Baselworld zur Kenntnis. Der neue Termin für die notwendige Verschiebung der Baselworld 2020 ist gemeinsam mit führenden Ausstellern definiert worden. Ziel war es, den frühest- und bestmöglichen Termin für die Industrie nach den Covid-19 bedingten Massnahmen zu finden. Die jetzt „abwandernden“ Unternehmen – inklusive Rolex – haben sich für die Verschiebung in den Januar 2021 ausgesprochen. Sie sind zudem im Ausstellerkomitee vertreten, in dem die künftige Vision der Baselworld mehrmals diskutiert worden und auf positive Resonanz gestossen ist, was sich auch in unzähligen Einzelgesprächen gezeigt hat.

Die Absicht einer Abwanderung nach Genf ist nie erwähnt worden. Die MCH Group muss daraus schliessen, dass die entsprechenden Pläne seit längerer Zeit vorbereitet worden sind und die Diskussionen über die finanzielle Regelung der Absage der Baselworld 2020 nun als Argument vorgeschoben werden.

Aufgrund der positiven und unterstützenden Feedbacks der Ausstellerschaft – insbesondere auch der kleineren und mittleren Aussteller aus der Uhren-, Schmuck-, Edelstein- und Zulieferer Industrien – hat die MCH Group im vergangenen Jahr entschieden, substantielle Beträge in die Weiterentwicklung der Baselworld sowie in den Aufbau zusätzlicher, digitalen Plattformen zu investieren. Die MCH Group ist überzeugt, dass über eine physische Plattform hinaus das ganze Jahr über eine Verbindung mit der Community bestehen muss. Sie sieht mehr denn je die Chance, in der Uhren- und Schmuckindustrie eine moderne Plattform für Marken zu entwickeln, die nicht primär auf Tradition, sondern vor allem auf Innovation setzen. Die MCH Group wird in den nächsten Wochen über die Weiterführung der Baselworld und die Investitionen in ihre langfristig ausgerichtete Weiterentwicklung entscheiden.

About Karl Heinz Nuber

Jahrgang 1951, war einer der ersten Journalisten, der sich dem Thema Zeitmesser hauptberuflich annahm. 2005 lancierte er das TOURBILLON - Das Schweizer Magazin für Uhren, Menschen, Life & Style. Heute ist er ein international gefragter Berater, Autor, Dozent, Talk-Gast und ausgewiesener Experte für Uhrensammlungen und Sammleruhren.

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