Samstag , 22 Juni 2024
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Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4: Die komplizierteste Uhr in der Geschichte von Audemars Piguet

Die 2019 eingeführte Code 11.59 by Audemars Piguet schlug ein neues Kapitel in der Geschichte der Manufaktur auf. Das facettenreiche, gewölbte Design dieser modernen Weiterentwicklung einer klassischen runden Uhr besticht mit einer Vielzahl an Details, die sich mit bloßem Auge kaum erfassen lässt. Die Fachpresse zeigte sich anfänglich über die Einführung dieser Audemars Piguet Kollektion skeptisch und bezeichnete dieses Schritt als “sehr experimentierfreudig”. Zwischenzeitlich haben sich die Wogen geglättet, denn die Kollektion wurde sowohl vom Fachhandel als auch von den Konsumenten zufriedenstellend aufgenommen und der polarisierende Audemars Piguet CEO François-Henry Bennahmias fühlte sich in seiner Entscheidung bestätigt.

Nun legt Audemars Piguet mit einem ultra-komplizierten Modell nach, das 40 Funktionen besitzt. Nach siebenjähriger Entwicklungszeit stellt Audemars Piguet die komplizierteste Armbanduhr vor, die die Manufaktur je gebaut hat. Die Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4 verfügt unter anderem über einen Schleppzeigerchronographen (Rattrapante) mit integrierter Flybackfunktion, einen ewigen Kalender, der bis zum Jahr 2400 funktioniert, ein Schlagwerk mit Grande Sonnerie, Petite Sonnerie und Minutenrepetition sowie über ein fliegendes Tourbillon.

Insgesamt zählt die Manufaktur für die Uhr 40 Funktionen auf, von denen sie 23 als Komplikationen und 17 als “spezielle technische Vorrichtungen” bezeichnet. Das allein ist schon bemerkenswert genug. AP ging es aber nicht nur darum, viel Mechanik in einer Uhr zu versammeln. Laut Giulio Papi, Technischer Direktor der Manufaktur, sollte das Meisterwerk drei grundsätzliche Eigenschaften erfüllen: Sie sollte leicht zu bedienen, dazu so flach wie möglich sein und kein überladenes Zifferblatt haben. Das Vorhaben ist geglückt: Mit einer Gehäusehöhe von 15,55 Millimetern ist die 42 Millimeter große Uhr in Weiß- oder Rotgold angesichts all ihrer Komplikationen bemerkenswert flach und liegt gut am Handgelenk. Auch das Gewicht von 180 Gramm ist akzeptabel.

Das Einstellen der Funktionen ist wirklich einfach: AP hat es geschafft, ohne versenkte Korrekturdrücker auszukommen, sodass man zum etwaigen Verstellen der Kalenderfunktionen nicht mit einem kleinen Metallstift oder einem anderen spitzen Gegenstand hantieren muss. Am linken Gehäuserand befinden sich drei Drücker: Mit dem mittleren korrigiert man den Wochentag bei 9 Uhr, mit dem unteren die Mondphase bei 7.30 Uhr. Der obere dient dem Start der Minutenrepetition und ersetzt damit einen Schieber.

Auf der rechten Seite gibt es drei Kronen, in die jeweils ein koaxialer Drücker integriert ist. Mit der oberen stellt man die Art des Schlagwerks ein: Grande Sonnerie (schlägt Stunden und Viertelstunden von allein), Petite Sonnerie (schlägt die Stunden von allein) oder Stille. Der Drücker dient wie gewöhnlich zum Starten und Stoppen des Chronographen. Die mittlere ist die Krone zum Zeigerstellen und Aufziehen (braucht man selten, da es eine Automatikuhr ist), ihr Drücker bedient den Schleppzeigermechanismus. Die untere Krone schließlich dient der Verstellung des Monats bei 3 Uhr: Das funktioniert in beide Richtungen, wobei die zweistellige Jahresanzeige bei 4 Uhr mitgenommen wird, wenn man von Januar auf Dezember geht. Der Drücker dient der Nullstellung des Flybackchronographen, der ohne vorheriges Stoppen gleich wieder bei null losläuft.

Insgesamt gibt es vier Varianten: zwei mit skelettiertem Zifferblatt, einmal in Weißgold, einmal in Roségold, und zwei Weißgoldmodelle mit geschlossenem Zifferblatt, einmal schwarz und einmal beigefarben.

Vor allem die beiden letzteren wirken erstaunlich übersichtlich für so eine komplizierte Uhr. Das Zifferblatt wird beherrscht von den beiden Totalisatoren für die gestoppten Minuten bei 9 Uhr und Stunden (bei 3 Uhr) sowie vom Ausschnitt für das fliegende Tourbillon bei 6 Uhr. Die Kalenderfunktionen verteilen sich vom Wochentag bei 9 Uhr über das Großdatum bei 12 Uhr, dem Monat bei 3 Uhr, das zweistellige Jahr bei 4 Uhr bis zur Mondphase bei 8 Uhr.

Dreht man die Uhr um, sieht man zunächst einen geschlossenen Boden, der sich aber durch einen kleinen Schieber am linken Gehäuserand öffnen lässt. Dann springt der Deckel heraus und gibt den Blick frei: nicht nur auf seine fein guillochierte Innenseite mit Luftschlitzen zur Verstärkung des Klangs, sondern vor allem auf das Uhrwerk. Das Manufakturkaliber 1000 mit Automatikaufzug besteht aus 1140 Einzelteilen, darunter 90 Lagersteine aus künstlichem Rubin, und bietet eine Gangreserve von 64 Stunden. Es schwingt mit gemächlichen 3 Hertz (= 21.600 Halbschwingungen pro Stunde) und ist bei einem Durchmesser von 34,3 Millimetern nur 8,75 Millimeter hoch.

Die Universelle RD#4, so der Beiname der Uhr, vereint auch die 2015 in der RD#1 vorgestellte Supersonnerie-Technik, die (unter anderem durch einen Resonanzboden) für einen gut hörbaren Klang sorgt, die 2018 eingeführte ultraflache Bauweise des ewigen Kalenders (RD#2) und den Oszillator mit vergrößerter Schwingungsweite (RD#3) von 2022. Das Schlagwerk verfügt über ein eigenes Federhaus, das abwechselnd mit dem Hauptfederhaus aufgezogen wird. Der Resonanzboden, an dem auch die Tonfedern befestigt sind, wurde für die Universelle neu konstruiert: Er besteht jetzt aus Saphirkristall und ist nur 0,6 Millimeter dick. Bemerkenswert ist auch der Blick auf den Rotor: Er ist aus Platin gefertigt und mit eingravierten Schallwellen verziert. Ins Zentrum seines großen Kugellagers integriert ist der Rattrapante-Mechanismus mit der für diese Vorrichtung typischen Zange. Diese Konstruktion führte genauso wie der Umstand, dass die Funktionen des ewigen Kalenders auf nur einer Ebene untergebracht sind, zu einer deutlichen Verringerung der Bauhöhe.

Schließlich zeigt der ewige Kalender noch eine weitere Raffinesse: Er muss nicht, wie die meisten seiner Kollegen, im Jahr 2100 korrigiert werden, sondern erst im Jahr 2400. Er berücksichtigt also die Tatsache, dass beim Gregorianischen Kalender das Schaltjahr in den Jahren ausfällt, die durch 100, aber nicht durch 400 teilbar sind. Dass die meisten ewigen Kalendarien am 1. März 2100 von Hand korrigiert werden müssen, hat bisher kaum jemanden gestört, da die meisten von uns dieses Datum nicht erleben werden. Es rückt aber immer näher und wird daher in den nächsten Jahrzehnten für die Entwickler neuer ewiger Kalendarien ein immer größeres Thema sein. Audemars Piguet hat jetzt schon darauf reagiert.

Mit dem Namen Universelle bezieht sich die neue Ultra-Complication übrigens auf eine andere ultrakomplizierte Uhr der Historie von Audemars Piguet: Die Grande Complication Universelle von 1899 verfügte genau wie ihre Nachfolgerin über Grande und Petite Sonnerie in Verbindung mit einer Minutenrepetition, einen Schleppzeigerchronographen und einen ewigen Kalender, auch in ihrem Fall wurde das Werk von einem Platin-Offiziersgehäuse mit Springdeckel umschlossen. Dazu verfügte sie über einen Wecker und eine blitzende Sekunde (Foudroyante).

Die Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4 ist nicht auf eine bestimmte Zahl limitiert, wird aber, verständlich angesichts ihrer Komplexität, nur in kleinen Stückzahlen produziert. 2023 sollen es sieben Stück sein, 2024 das Doppelte. Gefertigt wird sie wie alle Komplikationen von Audemars Piguet in der 2021 eröffneten Manufaktur in Le Locle, während die “einfacheren” Uhren weiterhin in Le Brassus hergestellt werden, wo ebenfalls eine neue Fabrik entsteht. Der Preis der Universelle ist ebenso exklusiv wie die Uhr und liegt je nach Ausführung zwischen 1,45 und 1,6 Millionen Schweizer Franken.

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About Karl Heinz Nuber

Nuber ist langjähriger unabhängiger Uhren Journalist und begann seine Karriere in den frühen 80er Jahren. Durch das Sammeln kam er zum Schreiben. Er ist Gründer des vierteljährlich regelmässig bilingual – Deutsch und English - erscheinenden TOURBILLON Magazin’s, der digitalen TOURBILLON Plattform TICK-Talk, der Ausstellungs- und Event Plattform Art of TOURBILLON und TOURBILLON TV. Er tritt regelmässig als Kenner der Branche in Erscheinung.

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