Samstag , 22 Juni 2024
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Härtetest auf dem Nürburgring

Tesla Model S Plaid: Kraftprotz mit 1020 E-PS

Anstatt endlich einmal auf Ausdauer setzt der neue Tesla Model Plaid auch wieder nur auf Leistung. Was hilft Dir brachiale Power, wenn die Reichweitenangst im Nacken sitzt.

Ein Elektroauto, das bis Tempo 322 lückenlos durchbeschleunigt. Damit scheint alles gesagt. Doch auf unserem Roadtrip durch Bella Italia haben wir festgestellt, nicht nur die Motorleistung setzt neue Maßstäbe. Auch bei der Lenkung bricht das Tesla Model S Plaid mit jeglichen Konventionen.

Das Tesla Model S Plaid erkennt mittlerweile jedes Kind als Elektroauto. Schon seit über zehn Jahren rollt das Model S über europäische Straßen. An der Spitze der geschlossenen Front glänzt das verchromte T und auch die Scheinwerfer und Rücklichter sind markentypisch. Nicht für jedes Kind ersichtlich ist, dass Tesla seine Oberklassemodelle Ende 2022 grundlegend überarbeitet hat. Beim Tesla Model S Plaid sind es Optisch nur Details, die das Update und die neue Power zu erkennen geben.

Rote Bremssättel und massive Karbon-Keramik-Bremsscheiben blitzen zwischen den Speichen der mattschwarzen 21-Zoll-Felgen hindurch. Doch gute Bremsanlagen wirken bei der allseits bekannten Performance eines Teslas erst mal nicht verdächtig. Auch der rechteckige Aufkleber am Heck ist nur für Tesla-Fans identifizierbar. Erst, wenn man die Hände ans Lenkrad nimmt, klappt allen die Kinnlade nach unten.

Für einen Aufpreis von 1.000 Euro verbaut Tesla ein sogenanntes Yoke-Lenkrad. Dabei fällt der obere Lenkkranz weg und gibt die Sicht frei auf Windschutzscheibe und Tacho. Es wirkt wie eine Mischung aus Formel-1-Lenkrad und Spielekonsole. Auch die Hebel für Blinker, Scheibenwischer und Gang-Wahl fallen weg. Entweder werden sie durch Tasten am Lenkrad ersetzt oder in den zentralen Touchscreen integriert. Das spart Teile und macht den Innenraum noch aufgeräumter, aber es ist auch nach über 3.500 Testkilometern noch ungewohnt. Vor allem in Kreisverkehren und beim Einparken.

Der Griff ins Leere und das Blinken in die falsche Richtung sind am Anfang unumgänglich. Sobald man das Yoke-Lenkrad um 180-Grad einschlägt, muss man genau überlegen, was zu tun ist. Automatismen, wie mit dem gestreckten Zeigefinger den Blinker während des Lenkvorgangs zu aktivieren, sind nutzlos. Das Umgreifen in Kreisverkehren und beim Rangieren in Parklücken mussten wir mit dem Yoke-Lenkrad neu lernen. Die meiste Zeit über sind wir zum Glück geradeaus gefahren und hier fühlt sich die besondere Lenkradform sogar besser an, denn es verleitet dazu, mit beiden Händen am Lenkrad zu bleiben. Bei einer Beschleunigung in zwei Sekunden auf Tempo 100 und einer Reisegeschwindigkeit jenseits der 130 Kilometer pro Stunde ist das ohnehin angebracht.

Jeder Tritt ins Fahrpedal sorgt für einen Überraschungseffekt und setzt Unmengen an Adrenalin frei. Nach wenigen Sekunden muss man den Fuß wieder heben, um sich nicht ins Verderben zu stürzen. Das Tesla Model S Plaid würde sonst ohne Leistungsabriss und Rücksicht auf Verluste weiter Richtung Höchstgeschwindigkeit brettern. Auf öffentlicher Straße kann das lebensgefährlich sein. Faszination und Wahnsinn liegen hier sehr nah beieinander. Wer auf längeren Strecken einen Nervenzusammenbruch der Mitreisenden vermeiden und nicht alle 200 Kilometer an die Ladestation möchte, kann zum Glück auch anders. Nach dem ersten halbstündigen Ladestopp an einem Tesla Supercharger haben wir die Beschleunigung auf „Lässig“ umgestellt und uns dem Autopiloten gewidmet.

Es ist erstaunlich, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat. Vor fünf Jahren war die Autopilotfunktion von Tesla bahnbrechend. Als ich damals mit einem Model 3 Performance ohne einzugreifen, blinkend von der Autobahn abgebogen bin, war ich sprachlos. Meinen ersten Fahrbericht zum Tesla Model 3 Performance gibt es hier: Heute können Hersteller wie Mercedes oder Ford, das sogar zuverlässiger. Sogar bei Volkswagen ist man Tesla bei der Autopilotfunktion einen Schritt voraus. Während man im 120.000 Euro Model S Plaid ständig am Yoke-Lenkrad hin und her ruckeln muss, um dem Fahrzeug zu zeigen, dass man noch anwesend ist, reicht es im 50.000 Euro ID.3 aus, mit den Fingern das Lenkrad zu berühren. Dafür bekommt man bei Tesla nach wie vor das komfortablere Ladeerlebnis.

Von Hamburg nach Paris, von Paris nach München. Egal wohin wir wollten, um die Ladeplanung haben wir uns nicht gekümmert. Immer mehr Hersteller bieten eine dynamische Laderoutenplanung an, doch bei Tesla läuft es trotzdem immer noch einen Tick entspannter. Es ist immer ein Ladeplatz frei, das Ladekabel ist immer lang genug und der Ladevorgang beginnt, sobald der Stecker steckt. An Superchargern der neuesten Generation lädt das Model S Plaid kurzzeitig mit über 250 Kilowatt. Spätestens nach einer halben Stunde ist der Akku zu 80 Prozent voll. Die Ladegeschwindigkeit gehört immer noch zu den kürzesten auf dem Markt, nur bei den IONIQ-Modellen von Hyundai oder dem Porsche Taycan geht es schneller. Schon nach 18 Minuten knacken sie im besten Fall die 80-Prozent-Marke.

Fazit

Zu keinem Zeitpunkt haben wir die Höchstgeschwindigkeit erreicht und auch die Zahl der maximal ausgereizten Beschleunigungsvorgänge können wir an zwei Händen abzählen. Selbst auf den unbeschränkten Abschnitten der deutschen Autobahn, hat weder die Verkehrs- noch die Straßenlage das Ausfahren der Höchstgeschwindigkeit zugelassen. Wer das Leistungspotenzial dieses Elektroautos auf öffentlicher Straße ausschöpfen möchte, muss dafür sich und andere in akute Lebensgefahr bringen. Dazu waren wir nicht bereit. Am faszinierendsten war für uns deshalb nicht die Leistung, sondern die Tatsache, dass man ein 1000-PS-Auto auch mit 18 Kilowattstunden auf 100 Kilometer über die Autobahn bewegen kann. Wenn man das auf den Energiegehalt von Diesel umrechnet, wären das weniger als zwei Liter. Grund für den niedrigen Verbrauch ist auch die hervorragende Aerodynamik. Das Model S von Tesla ist fast so aerodynamisch wie der Mercedes EQS. Hoffentlich werden Elektroautos zukünftig eher wieder in diesem Bereich neue Maßstäbe setzen, denn wie das Tesla Model S Plaid eindrucksvoll beweist, bei der Motorleistung haben wir bereits heute ein irrsinniges Level erreicht.

TECHNISCHE SPEZIFIKATIONENTESLA MODEL S PLAID
Antrieb: Allrad
Maximale Leistung:750 Kilowatt (1.020 PS)
Höchstgeschwindigkeit: 322 km/h
Beste Beschleunigung 0 – 100:2,4 Sekunden
Leergewicht: 2.162 Kilogramm
Aerodynamik: cw-Wert 0,208
Stromverbrauch (WLTP): 18,7 kWh/100 Kilometer
Maximale Reichweite (WLTP):600 Kilometer
Akkukapazität:100 Kilowattstunden
Beste Ladezeit (10 – 80 Prozent): 30 Minuten
Einstiegspreis: 109.990 Euro / 99.999 CHF
Preis des Testwagens: 123.070 Euro /CHF

About Karl Heinz Nuber

Nuber ist langjähriger unabhängiger Uhren Journalist und begann seine Karriere in den frühen 80er Jahren. Durch das Sammeln kam er zum Schreiben. Er ist Gründer des vierteljährlich regelmässig bilingual – Deutsch und English - erscheinenden TOURBILLON Magazin’s, der digitalen TOURBILLON Plattform TICK-Talk, der Ausstellungs- und Event Plattform Art of TOURBILLON und TOURBILLON TV. Er tritt regelmässig als Kenner der Branche in Erscheinung.

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